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Pressemitteilung: Europas Sweatshops - Armutslöhne in Ungarn, Serbien und der Ukraine

2017 11 08 Europas Sweatshops Yevgenia Belorusets Ukraine[09.11.2017]

Neuer Bericht der Clean Clothes Campaign „Europas Sweatshops“ dokumentiert Armutslöhne in der Bekleidungsindustrie Ost- und Südosteuropas. Viele Näherinnen in der Ukraine verdienen trotz Überstunden nur den Nettomindestlohn von 89 Euro im Monat. Ein existenzsichernder Lohn, von dem eine Familie leben kann, müsste fünfmal höher sein (438 Euro). Die Hauptauftraggeber der Schuh- und Modefabriken sind große Modekonzerne wie Benetton, ESPRIT, GEOX, Triumph und Vero Moda.

In ihrem heute veröffentlichten Bericht „Europas Sweatshops“ prangert die Clean Clothes Campaign schwere Missstände in den Produktionsstätten internationaler Modekonzerne in Ost- und Südosteuropa an. Die Befragung von mehr als 110 ArbeiterInnen/Arbeiter*innen in Schuh- und Modefabriken in Ungarn, Serbien und der Ukraine offenbart, dass viele Überstunden leisten müssen, um überhaupt ihre Produktionsvorgaben zu schaffen. Auch dann verdienen sie jedoch nur knapp über dem Mindestlohn. Für die Modekonzerne stellen die Länder Ost- und Südosteuropa ein Billiglohnparadies dar. Viele werben mit „Made in Europe“ und suggerieren, in Europa würde ‚fair’ hergestellt. Doch viele der 1,7 Millionen ArbeiterInnen/Arbeiter*innen in den Bekleidungsfabriken leben in Armut, sind überschuldet, überarbeitet und krank.

Europas Sweatshops bieten billige und doch erfahrene und qualifizierte Arbeitskräfte. Die gesetzlichen Mindestlöhne, die oft auch die tatsächlichen Löhne der Beschäftigten sind, variieren netto zwischen 89 Euro in der Ukraine und 374 Euro in der Slowakei. Damit ArbeiterInnen/Arbeiter*innen Existenzlöhne erhalten, von denen eine Familie ihre Grundausgaben decken kann, müssten die Gehälter vier- bis fünfmal höher sein, in der Ukraine etwa 438 Euro. Die gesetzlichen Mindestlöhne in der Region liegen sogar unter den offiziellen Existenzminima und Armutsschwellen der Länder. Die Folgen sind gravierend. “Manchmal haben wir einfach nichts zu essen”, berichtet eine interviewte Arbeiterin einer ukrainischen Bekleidungsfabrik, die für in Deutschland beheimatete Marken des mittleren Preissegments näht. Eine Arbeiterin aus Ungarn berichtet: “Unser Lohn reicht gerade, die Rechnungen für Strom, Wasser und Heizung zu bezahlen.”

Viele der interviewten ArbeiterInnen/Arbeiter*innen beklagen darüber hinaus Hitze und gefährliche Chemikalien, sehr schlechte hygienische Bedingungen, unbezahlte und unerlaubte Überstunden, und respektlose Behandlung durch Manager. Es herrscht durchgängig eine Atmosphäre der Einschüchterung und ständigen Drohung mit Kündigung und Verlagerung. „Wenn serbische Beschäftigte fragen, warum in der Sommerhitze die Klimaanlagen ausbleiben, warum der Zugang zu Trinkwasser eingeschränkt ist, warum sie schon wieder Samstag arbeiten müssen, erhalten sie eine stereotype Antwort: ‚Dort ist die Tür’.“

Die Hauptprofiteure vom Billiglohnsystem in der Region sind internationale Modekonzerne, die oft in Deutschland ihren Sitz haben. Die Fabriken der Interviewten ArbeiterInnen/Arbeiter*innen produzieren u.a. für Benetton, ESPRIT, GEOX, Triumph und Vero Moda. Die Clean Clothes Campaign fordert die Unternehmen auf, Existenzsichernde Löhne zu zahlen und gemeinsam mit den Zulieferfabriken die aufgedeckten Missstände zu beseitigen.

Esprit beispielsweise ist Mitglied des Bündnisses für nachhaltige Textilien, einer Multistakeholder-Allianz, die 2014 als Antwort auf den Fabrikeinsturz in Bangladesch von Bundesminister Gerd Müller initiiert wurde. ESPRIT ist darüber hinaus Mitglied der 2015 gegründeten ACT, einer Existenzlohn-Initiative von 17 internationalen Modemarken und dem globalen Gewerkschaftsdachverband industriALL. Die Befunde der Beschäftigten und der Recherchen in Europas Mode-Produktionsregionen legen nahe, nach der Wirksamkeit dieser Initiativen zu fragen.

Weitere Informationen:
http://lohnzumleben.de/reportage/
http://lohnzumleben.de/europas-sweatshops/
https://cleanclothes.org/livingwage/europe

Kontakt:
Bettina Musiolek
Bettina.musiolek@einewelt-sachsen.de
0151 510 533 24

Die Recherchen sind mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellt worden. Sie werden am 9.11., 16:00 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin von den AutorInnen öffentlich vorgestellt. Anschließend kommen sie mit dem Generalsekretär von industriALL Europe, Luc Traingle, und dem Vizepräsidenten von ESPRIT, Lary Brown ins Gespräch.
Zusätzlich stehen die Ko-Autorinnen und Forscherinnen am 9. November für Interviewtermine zur Verfügung. Koordination der Interviewtermine mit
Jannine Hamilton Jannine.Hamilton@rosalux.org

 

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