„Egal, wie lange du arbeitest – sie zahlen dir den Mindestlohn.“ – ukrainische Arbeiterin

Svitlana (Name geändert) ist 40. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Näherin in dieser Fabrik. Svitlana hatte nicht vor, Näherin zu werden. Sie wollte die Universität besuchen und eine Hochschulausbildung absolvieren, aber das klappte nicht. Sie ist mit vielen Dingen, die in der Fabrik geschehen, unzufrieden. Die vorgeschriebenen Stückzahlen sind zu hoch und sie kann ihre Vorgaben nur in der Nebensaison erfüllen. In der Hochsaison muss sie jeden Tag ein bis zwei Überstunden leisten, und häufig muss sie auch an den Samstagen arbeiten, wenn dringende Aufträge vorliegen. Als Gegenleistung für die viele Arbeit erhält sie nur den gesetzlichen Mindestlohn: 89 EUR „Egal, wie lange du arbeitest – sie zahlen dir den Mindestlohn.“

Im Sommer kann es in der Fabrik sehr heiß sein. In dieser Zeit fahren die meisten Menschen in den Urlaub, aber Svitlana kann keine Pause von ihrer Arbeit nehmen, denn in der Fabrik herrscht im Sommer Hochsaison. Sie hat keine Wahl: Svitlana und die anderen ArbeiterInnen der Fabrik müssen die Urlaubstage, die ihnen gesetzlich zustehen, dann in Anspruch nehmen, wenn keine Aufträge vorliegen. Svitlana ist nicht zufrieden mit dieser Praxis, aber sie kann nichts dagegen unternehmen.

„Wie das mit unserem Urlaub ist? Gerade dann, wenn wir gern Urlaub nehmen würden, im Sommer, entsteht ein solches Chaos mit dringenden Aufträgen, dass wir ganze Tage hier verbringen müssen. Sie schicken uns auf Urlaub, wenn es ihnen passt. Wir sind damit nicht zufrieden, aber was können wir tun? Uns beschweren? Wenn es dir nicht gefällt – dann gehst du eben. Es gibt immer genügend Leute, die gerne deinen Platz einnehmen würden.“

Auch wenn Svitlana mit den Praktiken des Fabrikeigentümers nicht einverstanden ist und diese oft rechtswidrig sind, so kann der Eigentümer doch nicht bestraft werden: Der Grund dafür ist ein zweijähriges Moratorium für Kontrollen der Arbeitsaufsicht in der Ukraine. Das Moratorium ist nun ausgelaufen, aber wird sich deshalb etwas ändern? Es scheint so, als würde sich niemand für die Arbeitsbedingungen interessieren – weder die ukrainischen Behörden noch die Abnehmer und Kunden der Firma.

In der Fabrik gibt es keine Gewerkschaft, und die Menschen haben Angst, ihre Arbeitsstelle zu verlieren. Sie versuchen deshalb nie, Druck auf den Eigentümer auszuüben, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern oder höhere Löhne zu erhalten. „Ich bitte Sie, welche Konflikte? Jeder braucht Geld, aber jeder bleibt, wo er ist. Es ist so, wenn man es hier nicht mag – sie finden immer jemanden, um dich zu ersetzen.“

Svitlana und ihr Ehemann, der als Wächter arbeitet, leben von zwei Löhnen – beide verdienen nur den gesetzlichen Mindestlohn. Es ist ein sehr hartes Leben. Obwohl sie staatliche Beihilfen zur Deckung der Wohnnebenkosten erhalten, müssen sie trotzdem 52 EUR selbst bezahlen, da die Beihilfe nicht ausreicht. Svitlana sagt, um Nahrungsmittel von guter Qualität zu kaufen, bräuchten sie mehr als zwei Löhne pro Monat. Ein Paar Schuhe kostet mehr als ein ganzer Lohn.

Diese Geschichte wurde im LÄNDERPROFIL UKRAINE veröffentlicht.

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