Reisebericht: Aus dem Leben von Schuh- und Lederarbeiter*innen in Indien

Anfang des Jahres waren Mitarbeiter*innen von INKOTA-netzwerk und SÜDWIND Institut vor Ort in Kanpur und Ambur und haben mit Arbeiter*innen gesprochen, die an Arbeitsrechtstrainings teilgenommen haben. Wir haben uns über die folgenden Fragen ausgetauscht: Was sind die größten Fabrik- und Alltagsprobleme? Wie kämpfen sie für bessere Lebensbedingungen? Wie können wir sie dabei unterstützen? Was haben die Trainings gebracht und wie geht es damit weiter? Anne Neumann von INKOTA berichtet.

Eine Schuhfabrikarbeiterin erklärt uns auf Tamil, welche Nähte genau sie Tag für Tag an der Nähmaschine setzt. Damit wir das verstehen, werden Schuhe ausgezogen und herumgereicht. Die Arbeiter*innen fertigen Schuhe im Fließbandprinzip: Einige schneiden Leder und andere Materialien zu, andere falten sie und legen die Teile entsprechend zusammen, die nächsten setzen Nähte an den Schäften, im letzten Schritt werden Sohle und Schaft zusammengefügt. Die Fabrikarbeiterinnen haben sich an ihrem einzigen freien Tag – dem Sonntag – zwei Stunden ihrer kostbaren Zeit genommen, um mit uns zu sprechen.

Die High-Tech-Maschinen auf der Ledermesse in Chennai suggerieren saubere Arbeit, fast voll automatisch. De facto arbeiten in Indien geschätzt rund 2,5 Millionen Menschen in der Lederindustrie – unter prekären Bedingungen. © INKOTA-netzwerk


Die Heimarbeiterinnen, die wir treffen, haben ihre Arbeit gleich mitgebracht. Einerseits zeigen sie uns so, wie schnell und geschickt sie bestimmte Schuhmodelle fertigen können. Andererseits können sie es sich nicht erlauben, die Arbeit für das Gespräch mit uns ruhen zu lassen. Wenn sie Aufträge bekommen, müssen diese bis zum nächsten Tag fertiggestellt werden. Wer die fertig genähten Exemplare nicht am nächsten Morgen bei der Zwischenhändlerin abliefert, bekommt keinen „Lohn“ – und demnächst weniger Aufträge.

Wir wissen es zu schätzen, dass Arbeiter*innen sich mit uns treffen. Denn einfach und selbstverständlich ist das nicht. In Nordindien hören wir von Menschen, die zusammengeschlagen oder entführt wurden, weil sie öffentlich auf Missstände an ihren Arbeitsplätzen hingewiesen haben. Aus Südindien hören wir, wie viel Kraft es eine Fabrikarbeiterin kostet, den Aufseher wenigstens um saubere Toiletten zu bitten. Sie weiß, dass sie dafür angebrüllt und beleidigt wird.

So informell wie die Gerbereien und Schuhfabriken selbst sind leider auch häufig die Arbeitsbeziehungen. © INKOTA-netzwerk


Wir kennen die Menschenrechtsverletzungen in der indischen Leder- und Schuhfabrik aus Studien und Fernsehberichten gut. Aber es macht einen großen Unterschied, den Arbeiter*innen gegenüber zu sitzen und von ihnen zu hören:

Der Kollege, der nach vielen Jahren Arbeit eine Lohnerhöhung für sich selbst angefragt hatte, durfte noch die eine Woche lang arbeiten, weil wir gerade einen Auftrag fertig bekommen mussten – und wurde dann vor die Tür gesetzt.
• Oder: Wir haben keinen Arbeitsvertrag oder überhaupt irgendeinen Nachweis darüber, dass wir in der Fabrik arbeiten – wir können von heute auf morgen jederzeit ausgesperrt werden.
• Oder: Ältere Frauen gibt es kaum in den Fabriken – sie schaffen die Arbeit körperlich nicht mehr. Weder in den Gerbereien noch in den Schuhfabriken wird auf die Gesundheit der Arbeiter*innen geachtet – unsere Körper werden ausgebeutet, wir liefern mit unseren Körpern die Rohstoffe für diese Industrie.
• Oder: Wer in Heimarbeit näht, ist von den Spitzenzeiten der Produktion abhängig – wenn Auftragsflaute ist, gibt es keine Arbeit und damit kein Einkommen.

[Es handelt sich hier um paraphrasierte Aussagen von Gerbereiarbeitern aus Kanpur und Schuhfabrikarbeiterinnen und Heimarbeiterinnen aus der Region Ambur. Zum Schutz der Arbeiter*innen sind die Aussagen auf eigenen Wunsch anonymisiert. Die Gespräche wurden auf Hindi und Tamil mit Dolmetschung ins Englische geführt.]

Heimarbeiter*innen fertigen Schuhe in Handarbeit. Für sie ist es noch schwieriger als für Angestellte in Fabriken, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu fordern. Sie leben buchstäblich von der Hand in den Mund. © INKOTA-netzwerk


Wir fragen: Gibt es keine Kontrollen durch die internationalen Markenfirmen oder den Staat? Da müssen etliche Arbeiter*innen lachen. Sie alle kennen zahlreiche Geschichten, mit denen die Kontrolleure viel zu leicht hinters Licht geführt werden.

Wer kann etwas ändern? Die Arbeiter*innen, die wir treffen, haben bereits zwei wichtige Schritte geschafft. Zum Einen: Sie haben begonnen, sich mit anderen Arbeiter*innen, über Probleme auszutauschen. Oft dürfen Fabrikarbeiter*innen nicht miteinander sprechen. Heimarbeiter*innen verbringen die Tage ohnehin relativ isoliert in ihren Wohnungen. Werde nur ich nicht mit dem Produktionsziel fertig? Kann der Aufseher einfach nur mich nicht leiden? Komme nur ich am Monatsende nicht mit dem Lohn aus? Nur wer sich austauscht, kann überhaupt benennen, welche Missstände es gibt. Zum Zweiten: Sie haben eine Organisation oder Gewerkschaft gefunden, der sie vertrauen und bei der sie sich über ihre Rechte informieren und gemeinsam mit anderen Arbeiter*innen Strategien entwickeln, um diese durchzusetzen. Alleine sind alle gegen das Fabrikmanagement machtlos – sie sind zu leicht austauschbar.

Anwalt Ravi klärt für SLD (Society for Labour and Development) Leder- und Schuharbeiter*innen in Kanpur über ihre Rechte auf. Im Gespräch mit Anne Neumann von INKOTA erzählt er, wie die Trainings aufgebaut sein müssen: Am Anfang stehen immer die aktuellen Probleme der Teilnehmenden. © INKOTA-netzwerk


Die Trainings unserer
Partnerorganisationen SLD und Cividep sind der Ort, an dem Arbeiter*innen beide Schritte gehen können. Nur wenn die Organisationen Vertrauen schaffen, kommen die Arbeiter*innen überhaupt zu ihnen. Wollen die mir da nur mein Geld abknüpfen? Was springt am Monatsende dabei heraus, wenn ich dafür meine knappe Freizeit opfere? Verpfeift mich jemand beim Fabrikmanagement? Wer sind die Anderen, die da hingehen? Solche Fragen stellen sich die Arbeiter*innen. Für diejenigen, die zu den Trainings kommen, gibt es Antworten, Unterstützung und Handlungsempfehlungen und – wenn möglich – auch direkten Beistand zum Durchsetzen ihrer Rechte.

Bei den Arbeitsrechtstrainings klärt Cividep Fabrikarbeiterinnen in Tamil Nadu über ihre Rechte auf. © Cividep

 

Aktuell hat sich die Lage der Leder- und Schuharbeiter*innen in Indien durch die Corona-Krise drastisch verschlechtert. Viele sind von akuter Armut und Hunger mit ihrer gesamten Familie bedroht. In unserem INKOTA-Corona-Newsticker berichten wir darüber.

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