Amerika

Maquilas in Mittelamerika

In Lateinamerika hat sich das sogenannte „Maquilasystem“ in Weltmarktfabriken – ausgehend von Mexiko – vor allem in Mittelamerika etabliert. Am stärksten sind die Maquilas in Nicaragua, Guatemala, El Salvador und Honduras in sogenannten Sonderwirtschaftszonen oder Freien Produktionszonen vertreten, wo jeweils einige zehntausend Beschäftigte in Montagebetrieben und Nähfabriken für Nordamerika, Westeuropa und teilweise sogar Ostasien arbeiten.

Die Löhne liegen in den mittelamerikanischen Ländern zwar nicht ganz so niedrig wie zum Beispiel in Bangladesch, sind aber durchaus wettbewerbsfähig. Außerdem gibt es neben dem zollfreien Zugang zum US-amerikanischen Markt noch den geografischen Vorteil gegenüber Asien aufgrund kurzer Transportwege und einem gut ausgebautem Straßennetz.

Das Maquilasystem hat einerseits zum Entstehen neuer Arbeitsplätze und gewisser Wirtschaftsentwicklung beigetragen, andererseits ähnlich wie in anderen Produktionsländern die sozialpolitische Problematik (zu) billiger Arbeitskräfte nicht gelöst. Die an den Staat abzuführenden Steuern und sonstigen Abgaben sind sehr gering, um möglichst hohe Investitionsanreize zu bieten.

Mitarbeiter in Maquilas (= Weltmarktfabriken)

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Nicaragua
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Honduras
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El Salvador
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Guatemala

Quelle: Derechos que penden de un hilo, Zonas Francas Textiles frente
a cooperativas de comercio justo, Oxfam Intermón, April 2015

Produktion für den Export

In Mittelamerika arbeiten heute ca. 390.000 Menschen in Maquilas in 155 Sonderwirtschaftszonen, Tendenz steigend. Kleidung im Wert von 7,6 Milliarden US-Dollar wanderte 2015 von Mittelamerika in die USA. Auf der Liste der Länder, die Kleidung in die USA exportieren, liegt Honduras auf dem 8. Platz. El Salvador belegt Platz 11, Nicaragua Platz 13. Als Region zusammengefasst ist Mittelamerika der drittgrößte Textil- und Bekleidungslieferer für die USA – nach China und Vietnam. Für die mittelamerikanischen Länder macht die Bekleidungs- und Textilindustrie einen entscheidenden Teil ihrer Exportproduktion aus. In Nicaragua und Honduras machte sie 2013 mit 32,37% und 33,58% gut ein Drittel aller Exporte aus. In El Salvador war es mit 39% sogar noch mehr.

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Exporte in die USA in US-Dollar

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Honaduras
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El Salvador
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Nicaragua
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Guatemala

Quelle: OTEXA, Office of Textile and Apparel USA in: Las trabajadoras(es)de la industria maquiladora en Centroamérica Hg:
Equipo de Investigaciones Laborales y la Red de Solidaridad de la Maquila

Wir brauchen verlässliche Kontrollsysteme um Verbesserung zu erreichen.
Unsere Regierungen sollten Sorge dafür tragen, dass die Arbeitsrechte eingehalten und umgesetzt werden. Die bürokratischen Prozesse, die mit Kontrollsystemen verbunden sind, sind oft zu träge. ArbeiterInnen kann oft nicht unmittelbar geholfen werden. Unternehmer versuchen die Aussagen der Arbeitenden zu widerlegen, und somit verlaufen Aufklärungen oft im Sande. Es müssen daher effiziente, schnelle und verlässliche unabhängige Kontrollsysteme eingeführt werden, um Verbesserungen zu erreichen.
Maritza Paredes Leiterin des unabhängigen Monitoring-Teams „EMIH“ in Honduras

Gesetzlicher Mindestlohn

Guatemala 331 US-Dollar decken 42% des Grundwarenkorbs (2014)
Honduras 272 US-Dollar decken 30,8% des Grundwarenkorbs (2015)
El Salvador 211 US-Dollar decken 37,6% des Grundwarenkorbs (2015)
Nicaragua 157 US-Dollar decken 35,36% des Grundwarenkorbs (2014)

Quelle: Las trabajadoras(es) de la industria maquiladora en Centroamérica (Juni 2016) Hg:
Equipo de Investigaciones Laborales y la Red de Solidaridad de la Maquila

Der Lohn reicht nicht zum Leben

Die Beschäftigten in den Maquilas der Textil- und Bekleidungsproduktion sind überwiegend Frauen, oftmals alleinerziehende Mütter, die den Unterhalt ihrer Familie verdienen müssen.

Die gesetzlichen Mindestlöhne in Mittelamerika garantieren bei weitem nicht die Existenzsicherung und die niedrigen Löhne führen dazu, dass ArbeiterInnen in den Fabriken extrem lange und bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Viele NäherInnen leben in Wellblechhütten in den Brennpunktvierteln rund um die Hauptstädte. Mit dem Gehalt aus der Fabrik können sie nicht einmal die Grundbedürfnisse ihrer Familie decken. Die Familien geraten in eine Schuldenfalle aus der es kein Entrinnen gibt, die psychische Belastung ist enorm.

Aussagekraft bekommt die Höhe der (Mindest-)Löhne erst im Vergleich mit den tatsächlichen Lebenshaltungskosten in den einzelnen Ländern. Dieser ist ernüchternd. Lediglich der Mindestlohn in El Salvador deckt die nötigsten Grundbedürfnisse einer Näherin. Rechnet man aber den Unterhalt weiterer Familienmitglieder ein und erweitert den Warenkorb für Nahrungsmittel um Ausgaben wie Bildung, Gesundheit, Kleidung, Miete, Transport usw. reicht der Lohn auch – und das bei weitem – nicht mehr. Die Unterbringung und Versorgung der Kinder während der Arbeitszeit in der Fabrik oder die Möglichkeit, Ersparnisse anzulegen, wäre dabei noch gar nicht berücksichtigt. Dafür müssten die Maquilas schon das Dreifache des Mindestlohns zahlen.

Berichte

Das 4×4 System

Übermäßig viele Arbeits- und Überstunden sind vor allem dort, wo die Kleidungsstücke zusammengenäht werden, ein weit verbreitetes Problem. Um das hohe Produktionssoll zu schaffen, müssen NäherInnen oft bis zur totalen Erschöpfung arbeiten. In zahlreichen Fällen sind die Überstunden Pflicht, werden aber nicht unbedingt rechtmäßig vergütet. Oft kommt es vor, dass ArbeiterInnen „vorsichtshalber“ lange vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn anfangen zu nähen, um die verlangte Stückzahl des Tages zu erreichen. So erhöhen sie ihre Chance auf eine Bonuszahlung, die sich an der erreichten Tages-Produktion orientiert. Das Schichtdienstsystem 4×4 findet in den Maquilas immer mehr Verbreitung. Nach 48 Stunden Arbeit an 4 Tagen mit Schichten über 12 Stunden, gibt es 4 Tage frei. Dies bedeutet nicht nur eine extreme körperliche Belastung, auch finanziell kann dies zum Nachteil der ArbeiterInnen ausgehen.

In El Salvador gibt es seitens der Regierung gerade das Bestreben das 4×4 System zu legitimieren, aber so kämen für die ArbeiterInnen die gesetzlich notwendigen 200 Tage geleisteter Arbeit im Jahr nicht zusammen, um das Recht auf Weihnachtsgeld, Urlaub, Abfindungen und Mutterschutz zu erreichen.

Außerdem gibt es in allen Ländern die Tendez zur Legalisierung von Zeitverträgen. Angewendet werden diese schon lange. Aber Gesetzesänderungen würden den Unternehmen dann auch rechtlich ermöglichen, ihre zeitlich befristeten Angestellten nur nach geleisteten Arbeitsstunden zu bezahlen. Ein Beitrag zur Sozial- und Krankenversicherung entfällt, Feiertage und Urlaub stehen ihnen nicht zu.

Kontakt

Maik Pflaum

Maik Pflaum

Referent, Christliche Initiative Romero

pflaum@ci-romero.de

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