Deutsche Unternehmen profitieren von Armutslöhnen im wichtigsten Modeproduktionsland Europas: Rumänien

Rumänische Näherinnen und Näher verdienen 14 Prozent eines existenzsichernden Lohnes. Die Folge: Familienangehörige fast jeder zweiten Näherin arbeiten in Westeuropa in prekären Jobs.

[Dresden, 20.5.2019] Die Clean Clothes Campaign legt Armutslöhne mitten in Europa offen. Für ihr neu veröffentlichtes Länderprofil Rumänien wurden umfangreiche Recherchen der letzten 6 Jahre, insbesondere 2017/18 ausgewertet. Fast eine halbe Million Menschen arbeitet in der Modeindustrie Rumäniens. Damit ist das Land der größte Bekleidungsproduzent Europas. Die Untersuchungen fanden eine Reihe von Auftraggebern mit Sitz in Deutschland: Aldi, Basler, Eugen Klein, Esprit, Hucke, Gerry Weber, Hugo Boss, Marc Cain, Peter Hahn, René Lezard, rofa*. Viele weitere westeuropäische und nordamerikanische Modemarken lassen ihre Kleidung in den fast 10.000 rumänischen Nähfabriken und Sweatshops herstellen. Rumänien zählt zu den seit Jahrzehnten angestammten Produktionsländern deutscher Modehäuser.

 

Seit über einem Jahrzehnt herrscht ein gravierender Arbeitskräftemangel in der Branche in Rumänien. Sie ist berühmt-berüchtigt für ihre menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten sehen ihren niedrigen Lohn als das größte Problem an. Ein existenzsichernder Lohn, der die Befriedigung der Grundbedürfnisse für die Familie zuzüglich einer Reserve für Notfälle enthält, beläuft sich in Rumänien auf 1.448 EUR. Das durchschnittliche Gehalt der befragten Beschäftigten in der regulären Arbeitszeit lag bei 14 Prozent eines existenzsichernden Lohnes. Rechtswidrig lag ihr Gehalt für die Regelarbeitszeit allzu oft unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 249 EUR, der seinerseits nur 17 Prozent eines Lohnes zum Leben ausmacht. Auf Grundlage der Berichte der Beschäftigten stellt sich die Nichteinhaltung des Mindestlohn-Gesetzes als normal heraus. Infolge der Armutslöhne sind die meisten Beschäftigten gezwungen, für alltägliche Ausgaben wie Heizmaterial Schulden aufzunehmen. „Ich zahle meinen Kredit von den 150€, die ich verdiene, zurück. Der Kredit war nicht für irgendeinen Modeschnickschnack, sondern für eine ärztliche Behandlung, die ich brauchte.“ Näherinnen berichteten von Wucherzinsen jenseits der 15%, die sie für die Kredite zu zahlen haben.

Strategien für Näherinnen, mit bitterer Armut umzugehen, sind die Subsistenzlandwirtschaft und die Arbeitsmigration. Familienangehörige fast jeder zweiten befragten Beschäftigten arbeiten als Bau- oder Schlachthofarbeiter, als Erntehelfer oder Pflegekräfte in Deutschland und Westeuropa. Zwischen den Armutslöhnen in der Modeproduktion und der Arbeitsmigration vieler Rumänen in den Westen besteht ein direkter Zusammenhang. Eine Arbeiterin lud Vertreter und Vertreterinnen der Textilmarken ein: „Versuchen Sie einfach nur mal einen Monat, ihre Familie von dem Lohn zu ernähren, den wir hier gezahlt bekommen.“

Neben miserabler Entlohnung berichteten die Arbeiterinnen aus jedem zweiten untersuchten Betrieb von unbezahlten Überstunden und nicht funktionierenden Ventilations- und Klimaanlagen. Oft stießen die Feldforscherinnen der Clean Clothes Campaign auf limitierten oder ganz fehlenden Zugang zu Trinkwasser sowie erzwungene Überstunden. Alle Beschäftigten klagten über schikanöse und beleidigende Behandlung durch Vorarbeiter und Management; täglich hören Sie Entlassungsdrohungen, werden angeschrien und nicht wenige werden belästigt.

Bettina Musiolek, eine der Autorinnen des Reports, fasst zusammen: „Modehäuser halten sich zugute, vor allem Frauen Arbeit und damit einen Weg aus der Armut zu geben. Unsere Recherchen zeigen jedoch, dass Arbeiterinnen und Arbeiter durch ihre Arbeit an der Mode für westeuropäische Marken arm werden. Sie müssen mit hohen Schulden und auseinandergerissenen Familien zurechtkommen.“ Viele der deutschen und westeuropäischen Modemarken, die in Rumänien herstellen lassen, sind Mitglied im Bündnis für nachhaltige Textilien, wie beispielsweise H&M, Aldi, C&A, Esprit, Gerry Weber, Hugo Boss, Primark. „Keine dieser einflussreichen Modehäuser hat sich gegen Armutslöhne, Gesetzes- und Menschenrechtsverstöße in Rumänien wirksam eingesetzt. Es ist höchste Zeit, dass auf EU-Ebene verbindliche menschenrechtliche Standards eingeführt werden. Es gibt eine tiefe Kluft in Europa. In einem Teil des Kontinents – vor allem in Westeuropa – sind gesetzliche Mindestlöhne armutsfest, in einem anderen Teil liegen gesetzliche Mindestlöhne sogar unter der Armutsgrenze, die die EU selbst berechnet.“, stellt Musiolek fest. Die Clean Clothes Campaign (CCC) fordert die EU auf, eine europäische Mindestlohnpolitik einzuführen und somit ihre eigene „Säule sozialer Rechte“ ernst zu nehmen: „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben das Recht auf eine gerechte Entlohnung, die ihnen einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht. (…) Armut trotz Erwerbstätigkeit ist zu verhindern.“ (Kapitel II, 6.)

*Es handelt sich um die rofa Bekleidungswerk GmbH & Co. KG für Berufs- und Schutzkleidung.

Weitere Informationen:

Hier finden Sie das Romania Country Profile.

Die Forderungen der Clean Clothes Campaign an Kandidatinnen und Kandidaten für das Europäische Parlament einschließlich konkreter Lohndaten und der EU-Armutsgrenzen stehen hier.

Kontakt:

Bettina Musiolek, Mobil: 0176 – 577 13 247, Mail: bettina.musiolek@einewelt-sachsen.de

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