Serbien

Hintergrund

Aktuell arbeiten rund 100.000 Frauen und Männer in diesem Sektor (sowohl formell als auch informell Beschäftigte eingerechnet). In den 80er Jahren hingegen hatte dieser Wirtschaftszweig etwa 250.000 formell beschäftigte Arbeiter*innen. Neben dem massiven Verlust an Arbeitsplätzen hatte die Deindustrialisierung noch eine weitere verheerende Auswirkung für die Zukunft der Bekleidungs- und Textilindustrie in Serbien: Heute werden 90 Prozent der Ausgangsstoffe für die Bekleidungsproduktion importiert; in den 80ern wurden diese von der jugoslawischen Textilindustrie erzeugt. Heute ist die Textilindustrie des Landes so gut wie verschwunden, und die Bekleidungs-/Schuhindustrie funktioniert hauptsächlich über das System der Passiven Lohnveredelung (PLV), ein EU-Handelssystem für zollfreien Reimport der Bekleidung und Schuhe aus Serbien in EU Mitgliedsstaaten, vorwiegend Italien und Deutschland. Die Passive Lohnveredelung oder „Lohn“-Produktion, wie sie in vielen südosteuropäischen Ländern genannt wird, wurde seit den 70er Jahren und wird von der EU genutzt, um arbeitsintensive Schritte in der Modeherstellung zollfrei in Niedriglohnländer auszulagern.

In ihrem Bestreben, die hohe Arbeitslosigkeit und die katastrophale Wirtschaftslage zu bekämpfen, konkurrieren die Balkanstaaten mittels immer noch höherer direkter und indirekter Zuschüsse um ausländische Investoren. Serbien war dabei erfolgreich: Laut der Development Agency of Serbia, der serbischen Entwicklungsagentur, profitieren folgende Modemarken von den Förderungen für Produktionsstätten in Serbien: GEOX, Benetton, Calzedonia, Pompea, Golden Lady (alle mit Firmensitz in Italien) und Falke (mit Sitz in Deutschland) sowie das türkische Unternehmen Aster.

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Anzahl Textil- & Schuhfabriken 2016
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Beschäftigte Bekleidungs- und Schuhindustrie 2016
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Gesetzlicher Mindestlohn 2017
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Lohn zum Leben 2017
Ich habe der Vorgesetzten gesagt, ich könne an dieser Maschine nicht atmen. Es seien bereits 30 Grad in der Fabrik, und wenn wir an der Maschine arbeiteten, würde es noch viel heißer. Nachdem ich das gesagt hatte, nahm sie das Abluftrohr der Maschine, richtete es auf die Gesichter von mir und meiner Kollegin und sagte: Das ist euer Problem, und wenn ihr damit nicht zurechtkommt, gibt es genug Leute, die darauf warten, euren Platz einzunehmen! Die Tür ist dort drüben! Wir wissen, wann beispielsweise ein Inspektor oder ein Manager aus Italien die Fabrik besuchen wird, denn vorher öffnet die Betriebsleitung Türen und Fenster und schaltet die Klimaanlage ein. Normalerweise sagt uns die Leitung: Wenn ihr die Tür öffnet, werden ihr auf der Stelle entlassen.
Näherin aus einer Fabrik

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Kontakt

Bettina Musiolek

Bettina Musiolek

Referentin Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen + CCC-Koordinatorin für Osteuropa und Türkei

bettina.musiolek@einewelt-sachsen.de

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