„Verheerend und lange während“ – die ILO beobachtet die Auswirkungen von COVID-19 auf die globalen Arbeitsmärkte

Standen in den ersten Wochen der Corona-Pandemie die Sorgen um die Gesundheit und die drohende Überlastung der Gesundheitssysteme im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit, so traten mit den zum Teil sehr weitreichenden staatlichen Reaktionen auf die Pandemie (Stichwort Lockdown) die ökonomischen Konsequenzen gleichermaßen ins Zentrum der Debatte. Der ökonomische Stillstand in vielen Sektoren wird insbesondere sichtbar in den vielen geschlossenen Geschäften in unseren Innenstädten. Weniger sichtbar sind die Auswirkungen auf die Menschen, die bis vor kurzem weltweit in Geschäften, Haushalten oder Betrieben gearbeitet haben und nun in Kurzarbeit, im Zwangsurlaub oder in der Arbeitslosigkeit sind.


von Sabine Ferenschild, SÜDWIND Institut 


Die Diagnose der ILO

Umso wichtiger für alle Bemühungen um menschenwürdige Arbeit weltweit ist es, dass die Internationale Arbeitsorganisation ILO den Kampf gegen negative Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt zu einer ihrer Kernaufgaben erklärt hat. Sie sammelt und veröffentlicht nicht nur länderspezifische Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung, sondern erstellt auch Monitor-Berichte zu den globalen Auswirkungen. Die ILO betonte in ihrem ersten Bericht vom 18. März, dass drei Schlüsselbereiche besonders zu beobachten seien: 1. Die Quantität der Beschäftigung (Arbeitslosigkeit / Unterbeschäftigung); 2. Die Qualität der Beschäftigung (z.B. Löhne, soziale Sicherheit); 3. Die Auswirkungen auf spezifische, besonders verwundbare Gruppen. Bezogen auf die Quantität ging die Ilo in diesem ersten Bericht noch von global bis zu 25 Mio. Arbeitslosen zusätzlich aus sowie von einem Abwärtstrend bei Löhnen und Arbeitszeiten, begleitet von einem Anstieg informeller Arbeit. Würden diese März-Schätzungen Realität, würde dies zu 35 Mio. Menschen zusätzlich in „Armut trotz Beschäftigung“ (die sog. working poor) führen. Viele Fortschritte der letzten Jahre wären damit zunichtegemacht. Besonders betroffen sind neben den Risikogruppen der Pandemie junge Beschäftigte, die schneller ihre Arbeit verlieren, Frauen, die überproportional in Sektoren arbeiten, die vom Lockdown betroffen sind, informell Beschäftigte und Arbeitsmigrant*innen.

Im zweiten Monitor-Bericht vom 7. April geht die ILO genauer auf die Auswirkungen der Pandemie auf verschiedene Sektoren, Kontinente und Beschäftigtengruppen ein: Global waren Anfang April 81 % der arbeitenden Bevölkerung (2,7 Mrd. Menschen) von Lockdown-Maßnahmen betroffen. Die ILO schätzt außerdem, dass im 2. Quartal 2020 weltweit die geleisteten Arbeitsstunden in einem Umfang zurückgehen, der 195 Mio. Vollzeitstellen (ausgehend von 48-Stunden-Wochen) entspricht. Der größte Teil der Arbeitsplatzverluste und schrumpfenden Arbeitsstunden betrifft Sektoren wie Dienstleistungen (Handel, Hotel/Gaststätten) und verarbeitende Industrie, in denen 38 % der weltweit Beschäftigten (1,25 Mr. Menschen) tätig sind. Am stärksten betroffen ist laut ILO Asien mit einem Verlust an Arbeitsstunden, die 125 Mio. Vollzeitstellen entsprechen. Mit weitem Abstand folgen Amerika (24 Mio.), Europa (20 Mio.) und Afrika (19 Mio.). Die ILO betont zwar, dass diese Zahlen für das 2. Quartal 2020 noch keine Prognosen für das gesamte Jahr zulassen, da letztere erheblich davon abhängen, wie lange die Schutzmaßnahmen dauern und wie schnell die Wirtschaft sich erholt. Aber in ihrem 2. Bericht betont sie auch, dass die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen am Ende deutlich über den Schätzungen aus dem März-Bericht liegen könnten. Insbesondere für Länder des Globalen Südens, in denen finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten für die Wirtschaft begrenzt seien, könnten die ökonomischen Folgen für Unternehmen „verheerend und langwährend“ sein.

Obwohl bisher der Fokus vieler Nachrichten zu den Pandemie-Folgen eher auf den Auswirkungen in Europa, Asien oder den USA liegt, macht der ILO-Bericht deutlich, dass die afrikanischen Staaten vor allem wegen der Kombination eines hohen Anteils an informeller Beschäftigung mit geringem sozialen Sicherungsniveau einem besonderen Risiko ausgesetzt sind: Während in Afrika zwar nur rund 26 % der Werktätigen in Risikosektoren arbeiten (Europa: 42 %), arbeiten dort aber außerhalb der Landwirtschaft knapp 72 % der Werktätigen in informellen Beschäftigungen (Europa: 21 %). Das hat zur Folge, dass nur knapp 18 % einen sozialen Sicherungsschutz genießen (Europa: 84 %).

Kernelemente für den Weg aus der Krises

Neben Soforthilfen (Geldtransfers an die am meisten Betroffenen, Nahrungsmittelhilfe) sieht die ILO vier Schlüsselfaktoren, um die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie zu begrenzen und Erfolge auf dem Weg zu menschenwürdiger Arbeit nicht zu verlieren: 1. Wirtschaft und Beschäftigung müssen stimuliert werden; 2. Unternehmen, Jobs und Einkommen müssen unterstützt werden; 3. Beschäftigte müssen am Arbeitsplatz geschützt werden; 4. Sozialer Dialog als Mittel zur Lösungsfindung muss gestärkt werden.

Auf allen Ebenen dieser Kernelemente sind die EU und die deutsche Bundesregierung bei der Unterstützung der afrikanischen Partner gefragt, damit aus der dortigen Kombination von Kapitalknappheit, hoher Informalität und geringer sozialer Sicherung nicht eine größere Krise als die Pandemie selbst entsteht

 

Beitragsbild: International Labour Organization, Eröffnung des 14. ILO Regionalkonferenz Afrika 2019 in Abidjan
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