Textilarbeiter*innen und Tagelöhner*innen sind an den Frontlinien der COVID-19-Pandemie in Sri Lanka

Auch Sri Lanka erlebt seit Oktober eine zweite Welle der Corona-Pandemie. Laut Regierungsangaben gibt es seit März circa 14.500 bestätigte COVID-19-Fälle und 40 Todesopfer (Stand 10.11.2020). Hatte die Inselnation im April diesen Jahres mit sehr harten Maßnahmen, wie etwa landesweite Ausgangssperren und Schulschließungen, das Infektionsgeschehen gut unter Kontrolle gebracht, fallen nun fast die Hälfte der bislang bestätigten Fälle und knapp 2/3 der Todesopfer in den Zeitraum der letzten drei Wochen. Große Cluster gibt es aktuell insbesondere in der Westprovinz, in der sich zahlreiche Textilfabriken befinden, die für internationale Bekleidungsfirmen wie Gap Inc., Victoria’s Secret und Marks & Spencer produzieren. Dies ist nicht verwunderlich, denn die COVID-19-Pandemie zeigt die deutlichen Missstände in den Arbeits- und Wohnbedingungen vieler Textilarbeiter*innen und Tagelöhner*innen auf: Viele Angestellte müssen ihrer Arbeit ohne angemessene Schutz- und Hygienemaßnahmen nachgehen; da sie kein Krankengeld oder Ausfallzahlungen erhalten, müssen sie auch arbeiten, wenn sie sich krank fühlen. Auch in den fabriknahen Wohnheimen, in denen viele Arbeiter*innen auf eigene Kosten untergebracht sind, mangelt es an Möglichkeiten die Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten. Unter diesen Bedingungen konnte sich das Virus schnell verbreiten.

Arbeits- und Wohnbedingungen der Textilarbeiter*innen

Das größte, aktive Cluster an COVID-19 positiv getesteten Fällen befindet sich momentan im Distrikt Gampaha. Allein 1.000 der 1.400 Beschäftigten der Brandix Fabrik in Minuwangoda, Gampaha – etwa 40 km nördlich der Hauptstadt Colombo gelegen – wurden positiv auf COVID-19 getestet. Berichten zufolge sollen der Ausbruch und die Verbreitung in der Fabrik auf grobe Fahrlässigkeit des Unternehmens zurückzuführen sein. Brandix soll Präventivmaßnahmen, wie etwa Temperaturkontrollen und das konsequente Tragen einer Alltagsmaske, vernachlässigt und Textilarbeiter*innen trotz Anzeichen einer Corona-Erkrankung nur an den Betriebsarzt verwiesen haben, der mit Medikamenten sicherstellte, dass die Mitarbeiter*innen an die Produktionslinie zurückkehren konnten.

Da Textilfabriken auf Auftragsbasis mit internationalen Bekleidungsunternehmen zusammenarbeiten, verpflichten sich die auftragsnehmenden Fabriken den gesetzten Zeitrahmen einzuhalten; oder müssen hohe Vertragsstrafen zahlen. Die Textilarbeiter*innen werden deshalb häufig angehalten auch an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen, wenn sie sich krank fühlen, um das Produktionspensum zu erfüllen. Doch dort hört die prekäre Arbeitssituation der Arbeiter*innen nicht auf. Tagelöhner*innen erhalten gemeinhin keine Kompensation, wenn sie durch Krankheit oder andere Umstände nicht zur Arbeit erscheinen können. Sie können keine ausreichenden Rücklagen bilden, um Zeiten eines kurzfristigen Verdienstausfalls zu überbrücken. Mit Wegfall ihres Lebensunterhalts geraten sie in eine Abwärtsspirale, die häufig darin endet, dass sie zu ihrer Familie in ihren Heimatort zurückkehren müssen. In Zeiten der Coronapandemie sind sie dort, genauso wie in Wohnheim- und Pensionsbetrieben, unerwünscht, denn sie stehen unter dem (aufgrund von fehlenden Tests nicht unbegründeten) Verdacht mit dem Virus infiziert zu sein. Die Stigmatisierung Virusträger*in zu sein hat zur Folge, dass die arbeitslosen Arbeiter*innen auch auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden und nicht mehr in der Lage sind eine Unterkunft in der Gegend zu finden.

Darüber hinaus befinden sich aktuell 20.000 Tagelöhner*innen aus Freihandelszonen in Selbstisolation in Wohnheimen und Pensionen. Als Angestellte von Leiharbeitsfirmen sind sie besonders vulnerabel, da sie nicht formal bei den Unternehmen angestellt sind für die sie arbeiten; so können diese die Verantwortung für das Wohlergehen der Arbeiter*innen von sich weisen. Die Regierung hat Personalagenturen aufgefordert PCR-Tests bei allen Arbeitnehmer*innen durchzuführen, die noch keinen gemacht haben, und sie danach zur Arbeit zu schicken. Doch viele Personalagenturen behaupten sich die Tests nicht leisten zu können und entlassen die Arbeiter*innen ohne Vorwarnung.

Zwangsquarantäne

Der Standort der Brandix Fabrik grenzt an die älteste Freihandelszone Sri Lankas, Katunayake, in der etwa 50.000 Arbeiter*innen, einschließlich Reinigungs- und Sicherheitspersonal, beschäftigt sind. Ende Oktober wurde das Gebiet unter Quarantäne gestellt, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es wird berichtet, dass tausende, vermutete und bestätigte, COVID-19 Fälle gewaltsam mit Bussen in Quarantänecenter gebracht wurden, nachdem sie ohne Vorwarnung aus ihren Häusern geholt oder sie zur Selbstquarantäne aufgefordert wurden. Ihnen blieb kein ausreichender Vorlauf zur Sicherstellung der wichtigsten Grundbedürfnisse in Sachen Gesundheit, Hygiene und Lebensmittel. Den Quarantänecenter, die unter haftähnlichen Umständen durch das Militär geführt werden, mangelt es an grundlegender Gesundheits-, Hygiene- und Nahrungsmittelversorgung; die von der Regierung bereitgestellten Hilfsmaßnahmen sind qualitativ und quantitativ unzureichend. Die Arbeiter*innen sind unter den beengten Umständen der Quarantänecenter zudem einem erhöhten Risiko einer Corona-Infektion ausgesetzt, da keine ausreichenden Testkapazitäten zur Verfügung stehen und so vermutete und bestätigte Corona-Erkrankte auf engsten Raum zusammenleben.

Zitat einer Arbeiterin, die am frühen Morgen des 12.10.2020 gegen ihren Willen in ein staatliches Quarantänecenter gebracht wurde:

“The military came in the middle of the night and gave us only 10 minutes to pack our essentials and get onto the bus. The military told us not to delay them, because they had been having sleepless nights and were very tired. ‘We have no time to check. We are overworked,‘ they told us. I had just received my Negative PCR test 2 days ago, but, I wasn’t even given the chance to tell them this. They didn’t allow anyone to speak! They just herded us into buses and took us away.”

Der Mangel an Informationen, unzureichenden Transportmittel, unhygienischen Quarantäneeinrichtungen und das Versäumnis PCR-Tests vor der Verladung der Beschäftigten in die Busse und bei der Einfahrt in die Zentren durchzuführen, stellen einen klaren Verstoß gegen die staatlichen COVID-19-Bestimmungen dar. Den Beschreibungen der Betroffenen und ihrer Unterstützer*innen nach zu urteilen, erfüllen die erzwungene Isolation und Inhaftierung den Tatbestand der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung laut Artikel 7.1 des Internationalen Paktes über zivile und politische Rechte (Zivilpakt). Aktivist*innen haben bei der Menschenrechtskommission Sri Lankas eine Beschwerde eingereicht, die darlegt, dass einige Arbeiter*innen gegen ihren Willen in staatliche Quarantänezentren gebracht wurden. Diesen Umstand dementieren die Behörden. Der Armeechef, der das nationale Operationszentrum für die Prävention von COVID-19 leitet, sagte, dass die Truppen zur Durchführung „präventiver Evakuierungen“ eingesetzt würden.

Forderungen

Brandix hat die betroffene Fabrik in Minuwangoda mittlerweile geschlossen und behauptet, dass Arbeiter*innen, die krank sind oder sich in Quarantäne befinden eine Kompensationszahlung erhalten. Das Unternehmen erklärte außerdem, dass jede Fabrik selbst dafür verantwortlich sei die Arbeiter*innen mit den notwendigen Hilfsmaßnahmen, wie etwa Lebensmittelrationen, zu versorgen. Zahlreiche Berichte von Arbeiter*innen deuten jedoch darauf hin, dass sie die Hilfsmaßnahmen der Unternehmen und Regierung nicht erreichen; zumindest nicht im ausreichenden Maße. Gewerkschaften haben zwischenzeitlich versucht die Situation in den Quarantänecentern und Wohnheimen mit Lebensmittelpaketen zu verbessern; sind jedoch auf Widerstand durch das Militär gestoßen. Der Generalstaatsanwalt Sri Lankas will die Anschuldigungen gegen Brandix nun prüfen und klären, ob die offensichtliche Ausbreitung der Krankheit von der Brandix Fabrik in Minuwangoda aus hätte verhindert werden können, da sie „Menschenleben gefährdet“ habe. Brandix behauptet in einer offiziellen Erklärung, alle verbindlichen Regierungsbestimmungen im Zusammenhang mit COVID-19 befolgt zu haben und hat ebenfalls eine eigene Untersuchung der Vorfälle eingeleitet.
Gemeinsam mit den Betroffenen, Gewerkschaften und Aktivist*innen fordert Sri Lanka Advocacy:

  • Die Bereitstellung von ausreichend Rationen lebensnotwendiger Gütern und Medikamente für Arbeiter*innen in den staatlichen Quarantänecentern sowie in der Selbstquarantäne
  • Die Zahlung von 10.000 Rs. (ca. 45€) an alle Arbeitnehmer*innen, die aufgrund von COVID-19 ihren Arbeitsplatz verloren haben oder derzeit arbeitsunfähig sind
  • Die Durchführung von PCR-Tests an allen Arbeiter*innen, einschließlich der in der Freihandelszone von Katunayaka arbeitenden Arbeitskräfte
  • Die Gewährleistung, dass alle Quarantäneeinrichtungen der Regierung und Krankenhäuser, die COVID-19-Patient*innen behandeln, den internationalen Sicherheitsstandards entsprechen

Weiterführende Informationen:

KONTAKT

SRI LANKA ADVOCACY
c/o Vereinte Evangelische Mission
Rudolfstrasse 137
42285 Wuppertal

Franziska Koch, Koordinatorin
Email: slanka [ät] gmx.net
Telefon: +49 (0)202 / 890 04-169

Beitragsbild: ILO Asia-Pacific / Flickr
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