#BelieveTheWorkers
Tin Sein, Mar Mar Oo und die anderen Beschäftigten der Fabrik Royal Knitting in Mae Sot, Thailand, hatten teilweise jahrelang Bekleidung u. a. für Marken der Otto Group produziert.
Die Region Mae Sot liegt an der Grenze zu Myanmar und wird von Gewerkschafter*innen als „schwarzes Loch für Arbeitsrechte” bezeichnet. Die billige Arbeitskraft von Migrant*innen in diesen Fabriken ist ein allgemein bekannter Vorteil, über den aber nicht gesprochen wird. In den Fabriken arbeiten schätzungsweise über 80 Prozent burmesische Arbeiter*innen. Häufig werden sie nach Stück bezahlt und erhalten Löhne unterhalb des Mindestlohns. Als Migrant*innen sind die Arbeiter*innen schutzlos den miserablen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Oft werden Krankheitstage nicht bezahlt und die Menschen werden zu Überstunden gezwungen, die nicht angemessen enltohnt werden.
Seit 2020 kämpfen die Arbeiter*innen für ihre Rechte
2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, wurde die Fabrik Royal Knitting geschlossen. Von einem Tag auf den anderen waren die Beschäftigten arbeitslos. Seitdem kämpfen sie: Für Löhne, die ihnen noch nicht bezahlt wurden, für Abfindungen, die ihnen gesetzlich zustehen, für Gerechtigkeit. OTTO sagt, zum Zeitpunkt der Fabrikschließung habe keine Geschäftsbeziehung zu Royal Knitting bestanden. Diese sei 2017 beendet worden. Jedoch bestand eine Geschäftsbeziehung zwischen OTTO und Yamaken Apparel, der Muttergesellschaft von Royal Knitting bis 2020. Dass Muttergesellschaften Unterverträge an Fabriken in ihrem Einflussbereich weitergeben ist in Südostasien gängige Praxis.
„Immer wenn ich die Fabrik sehe, bete ich, dass wir diesen Fall gewinnen, damit unser Leben weitergehen kann.“ Tin Sein, ehemalige Arbeiterin von Royal Knitting
Die ehemaligen Arbeiter*innen von Royal Knitting sagen, dass dort bis zur Schließung 2020 Kleidung für Marken der Otto Group produziert wurde. Sie haben dafür umfassende Belege, wie Packlisten, Produktionsanweisungen und Kleidungsetiketten vorgelegt – doch OTTO will diese Belege nicht anerkennen und bestreitet weiterhin eine relevante Lieferkettenverbindung nach 2017. OTTO bezeichnet diese Belege als „unkontrollierbare” Dokumente und suggeriert damit, dass sie gefälscht seien. Arbeiter*innen sehen sich dadurch dem Vorwurf ausgesetzt, nicht die Wahrheit zu sagen.
209 Menschen warten seit 2020 auf eine Lösung. Es ist Zeit, dass dieser Fall endlich abgeschlossen wird und die Arbeiter*innen Gerechtigkeit erfahren!
Wir sagen: #BelieveTheWorkers! Sorgt dafür, dass sie das bekommen, was ihnen zusteht!
#BelieveTheWorkers
„Wir sind Menschen. Behandelt uns auch so.“
Ehemalige Arbeiter*innen der Fabrik Royal Knitting haben uns ihre Geschichte erzählt.

Tin Sein
„Immer wenn ich die Fabrik sehe, bete ich, dass wir diesen Fall gewinnen, damit unser Leben weitergehen kann.“
OTTO, believe Tin Sein!
25 Jahre lang arbeitete Tin Sein (43) in Textilfabriken der thailändischen Grenzstadt Mae Sot, seit 2017 bei Royal Knitting. Die Fabrikschließung hat sie in eine Schuldenspirale gestürzt.
25 Jahre lang arbeitete Tin Sein in Textilfabriken der thailändischen Grenzstadt Mae Sot.
2017 begann sie in der Royal Knitting-Fabrik. Damals zog sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in ein Zimmer direkt gegenüber des Gebäudes. Bis heute leben sie hier. Die Miete: 80 Euro/Monat.
Statt festem Lohn: Vergütung nach Stückzahl
Tin Sein erhielt Stücklohn. Das heißt: Für jedes fertiggestellte Kleidungsstück erhielt sie einen Lohn. „Im Schnitt verdiente ich so rund 185 Euro pro Monat. Mit Überstunden kam ich auf etwa 265 Euro. Damit lag mein Lohn deutlich unter dem staatlichen Mindestlohn von circa 282 Euro.“
Trotzdem gelang es ihr und ihrem Mann, der als Tagelöhner auf dem Bau etwa dasselbe verdiente, ihre Kinder gesund großzuziehen. Bis die Fabrik 2020 unerwartet schloss.
Damals war Tin Sein 38 Jahre alt – zu alt, um eine neue Arbeit zu finden. Die meisten Fabriken stellen Arbeiter*innen zwischen 18 und 30 Jahren ein. Hinzu kam: Die Strickindustrie in Mae Sot war zusammengebrochen.
Schuldenmachen zum Überleben
Ohne ihr Einkommen aber hat die Familie nicht mehr genug zum Leben. Immer wieder mussten sich Tin Sein und ihr Mann Geld leihen. Mittlerweile haben sie über 2.600 Euro Schulden. Die Zinsen: zehn Prozent. Wenn es ihnen nicht gelingt, am Monatsende den Mindestbetrag zurückzuzahlen, steigen die Zinsen weiter. Ein Teufelskreis.
Um Geld zu sparen, isst Tin Sein an manchen Tagen nichts. Trotzdem muss die Familie immer wieder neue Kredite aufnehmen, um nicht zu verhungern. Ohne die Unterstützung ihrer Nachbar*innen wäre die Situation nicht auszuhalten.
Mit der Entschädigung, die ihr rechtlich zusteht, könnte Tin Sein die Schulden abbezahlen. Sie könnte ein neues Leben aufbauen. Für sich und ihre Kinder.


Mar Mar Oo
„25 Jahre lang haben wir in der Fabrik gearbeitet. Und dann war von einem Tag auf den anderen Schluss. Warum haben sie uns nicht besser behandelt?“
OTTO, believe Mar Mar Oo!
In ihren 20 Jahren bei Royal Knitting hat Mar Mar Oo (52) erlebt, wie die Fabrikleitung systematisch den Mindestlohn unterlief. Sie ist noch immer ohne feste Arbeit und kann ihre Eltern und Kinder in Myanmar kaum noch finanziell unterstützen.
Mar Mar Oo wuchs in Yangon auf, der ehemaligen Hauptstadt Myanmars. Dort verkaufte sie Gemüse auf dem Markt. Später arbeitete sie in einer Textilfabrik. Doch der Lohn reichte nicht zum Leben. Deshalb entschlossen sich Mar Mar Oo und ihr Mann, die beiden Kinder bei den Großeltern zu lassen und in Mae Sot eine gute Arbeitsstelle zu suchen. Das war im Jahr 2000.
Fabrikleitung fälschte Lohnabrechnung für Sozialaudits
Seitdem arbeitete Mar Mar Oo bei Royal Knitting, zuerst direkt in der Produktion, später als Reinigungskraft. Auch ihr Mann fand Arbeit bei Royal Knitting. Als Mar Mar Oo vor 25 Jahren anfing, verdiente sie umgerechnet 40 Euro im Monat. Oft begann ihr Arbeitstag um 8 Uhr und endete um 23 Uhr. Einen Tag im Monat hatte sie frei. „20 Jahre später verdiente ich zwischen 185 und 200 Euro pro Monat – und damit nur zwei Drittel des Mindestlohns.“
Wenn Prüfer*innen in die Fabrik kamen, um Sozialaudits zu erstellen, zwang die Fabrikleitung Mar Mar Oo nach eigenen Angaben diese anzulügen. „Monat für Monat musste ich zwei Lohnabrechnungen unterschreiben: eine mit meinem tatsächlichen Lohn und eine über den Mindestlohn, den ich eigentlich hätte erhalten sollen.“
Mit Fabrikschließung verloren viele Arbeiter*innen auch ihre Unterkunft
Einige Monate vor der Schließung gab es extrem viel Arbeit. Die Fabrik drängte, Aufgaben schnell zu erledigen, oft arbeiteten sie bis 2 Uhr nachts. Danach wurden die Aufträge weniger – und schließlich gab es keine mehr. „Der Lohn wurde auf 2,60 Euro pro Tag gekürzt, und niemand verstand, was passierte. Dann schloss die Fabrik plötzlich am 4. April 2020.“
„Jeden Tag, wenn ich an der Fabrik vorbeigehe, wirkt sie wie ein Spiegel unseres Lebens – kaputte Fenster, Unkraut auf dem Dach, leer und still. Genau wie wir. Was uns geblieben ist: Stress. Wie werden wir überleben? Finden wir neue Arbeit? Wie kommen meine Eltern ohne unsere Unterstützung zurecht?“
Viele Arbeiter*innen wohnten in Wohnquartieren, die zur Fabrik gehörten und sollten noch am selben Tag ausziehen. Nach Verhandlungen durften sie einen Monat länger bleiben, um eine neue Anstellung zu finden.
Leben von 7,40 Euro pro Tag und Gelegenheitsjobs.
Seit die Fabrik geschlossen ist, arbeitet ihr Mann auf dem Bau. Umgerechnet 7,40 Euro verdient er so pro Tag. Mar Mar Oo hat noch immer keine Arbeit gefunden, obwohl sie sich viel bewirbt. Gerade ältere Beschäftigte haben Probleme eine Anstellung in den Fabriken zu finden. Ab und zu verdient sie ein wenig, indem sie Kleidung bügelt. Aber das Geld reicht nicht und die beiden mussten Schulden machen, um zu überleben.
„Für mich ist die Entschädigung alles, was ich meinen Kindern hinterlassen kann, wenn ich sterbe. Es ist alles, was mir noch bleibt.“
In ihrer Heimat Myanmar leben ihre alten Eltern und ihre zwei Kinder, an die sie früher jeden Monat Geld schickte – heute können sie das kaum noch.


San San Khaing
„Ich fühle mich betrogen, weil sie gelogen und mir die Arbeit genommen haben. Ich blieb mit nichts zurück.“
OTTO, believe San San Khaing!
Als Migrantin war San San Khaing (50) durch ihre Arbeit Teil der thailändischen Sozialversicherung und bekam Zuschüsse für teure Schilddrüsenmedikamente. Mit der Fabrikschließung ging auch diese Unterstützung verloren.
San San Khaing wuchs in Myanmar auf. Sie leidet an einer chronischen Schilddrüsenerkrankung. In Myanmar reichte ihre Verdienst kaum zum Leben – und lange nicht für die dringend benötigten Medikamente. Im thailändischen Mae Sot fand sie vor 20 Jahren Arbeit und konnte ins Sozialversicherungssystem für Migrant*innen einzahlen. So erhielt sie Unterstützung für die Behandlung ihrer Krankheit, eine Möglichkeit, die in ihrer Heimat Myanmar unmöglich war.
Unsicheres Einkommen trotz Arbeit
2009 fing San San Khaing an, bei Royal Knitting in der Qualitätskontrolle zu arbeiten. Ihr Gehalt lag anfangs bei etwa 2,50 Euro und das für 12 Stunden Arbeit. „Bis 2019 stieg mein Tageslohn auf etwas über 5 Euro bei einer Acht-Stunden-Schicht“. Allerdings konnte San San Khaing nur arbeiten, wenn es genug Kleidungsstücke gab, die sie kontrollieren konnte. Die Folge: Wurde aufgrund der Auftragslage die Produktion gedrosselt, hatte San San Khaing nicht nur weniger Arbeit, sondern auch weniger Gehalt. „In manchen Monaten verdiente ich deshalb nur 106 Euro. Im Schnitt kam ich auf einen Monatslohn von 160 bis 185 Euro“.
Kurz vor der Schließung: Arbeiten bis tief in die Nacht
Im Gespräch berichtet sie: Zehn Tage, bevor die Royal Knitting Fabrik geschlossen wurde, hatte sie plötzlich extrem viel Arbeit. Riesige Berge von Kleidung mussten durch die Qualitätskontrolle. An manchen Tagen arbeiteten San San Khaing und ihre Kolleg*innen bis 2 Uhr nachts. Und dann, war da plötzlich nichts mehr. Keine Aufträge. Keine Kleidung zu kontrollieren. Stattdessen sollte sie Kisten mit den in der Fabrik verbliebenen Kleidungsstücken und anderen Dingen packen. Und gehen.
Verlust der Krankenversicherung
Die Fabrikschließung hatte für San San Khaing neben dem Verlust des Einkommens, eine weitere gravierende Folge: Mit der Arbeitsstelle verlor San San Khaing ihre Krankenversicherung. Für Medikamente, die sie bisher für weniger als 1 Euro im Monat Zuzahlung erhalten hatte, muss sie nun rund 80 Euro bezahlen. Geld, das San San Khaing nicht hat. Mit Kräutern und Paracetamol versucht sie, mit der Krankheit zu leben.
Zwei Mal aber musste sie ins Krankenhaus. Die Behandlungen verschlangen ihre Ersparnisse. San San Khaing hat nichts mehr.
„Wenn ich die Entschädigung bekäme, würde ich mir wieder meine Medikamente kaufen.“
Ihr Mann fand Arbeit bei einer thailändischen Familie auf dem Land. Dort kümmert er sich für 185 Euro/Monat und kostenlose Unterkunft um die Gärten und das Haus. Auch Obst und Gemüse können die beiden für sich anbauen. Medikamente aber bleiben weiterhin unerschwinglich.


Ko Kyaw Zaya
„Sobald ich die Entschädigung bekomme, werde ich nach Myanmar zurückgehen. Aber davor möchte ich sehen, wie die anderen das Geld nutzen, wie die Freude in ihr Leben zurückkehrt. Es geht nicht nur ums Geld. Es geht in erster Linie um das Leben der Arbeiter*innen. Ich möchte sie wieder glücklich sehen.“
OTTO, believe Ko Kyaw Zaya!
15 Jahre arbeitete Ko Kyaw Zaya (48) bei Royal Knitting. Seit der Schließung kämpft er für die Rechte der ehemaligen Arbeiter*innen.
Ko Kyaw Zaya war Rikschafahrer, als ihm ein alter Schulfreund von seiner Arbeit in Mae Sot erzählte. Ko Kyaw Zaya war 20 Jahre, als er beschloss, auf Rat eines Freund in den Textilfabriken Mae Sots Arbeit zu suchen.
2005 fing er bei Royal Knitting an, zunächst als Maschinentechniker, später maß er Stoffe aus.
Lohnkürzungen vor der Fabrikschließung
Kurz bevor Royal Knitting geschlossen wurde, sank die Produktion. Auch der Lohn von Ko Kyaw Zaya und seine Kolleg*innen wurde gekürzt. „Wir erhielten nur noch 2,65 Euro pro Tag.“ Ko Kyaw Zaya glaubte, das läge an COVID-19 und die Lohnkürzungen seien eine Strategie der Fabrikleitung, die Arbeiter*innen dazu zu bringen, freiwillig zu kündigen. Doch Ko Kyaw Zaya und viele seiner Kolleg*innen hatten keine andere Option als bei Royal Knitting zu arbeiten.
In der ersten Aprilwoche 2020 wurden er und neun weitere Kolleg*innen ins Büro gerufen. Das Management teilte ihnen mit, dass die Fabrik noch am selben Tag die Produktion einstellen würde. Ko Kyaw Zaya und die anderen sollten die übrige Belegschaft informieren.
Kämpfer für die Rechte der Arbeiter*innen
So wurde Ko Kyaw Zaya zum Überbringer schlechter Nachrichten, zum Sprecher der Arbeiter*innen und zum Kämpfer für ihre Rechte. Er kontaktierte Organisationen und die Botschaft Myanmars. Er wollte Entschädigung. Zusammen mit den anderen Arbeiter*innen verfolgte er dabei ein Ziel: Das Einfordern von Entschädigung. Dazu war er auch bereit vor Gericht zu ziehen.
„Der ganze Fall wird hier in Mae Sot beobachtet, von Arbeiter*innen und Arbeitgeber*innen. Unsere Arbeitgeber haben gelogen. Wir wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt“
In den ersten drei Monaten nach der Schließung unterstützte er andere Arbeiter*innen dabei, neue Wohnungen zu finden. Denn viele von ihnen waren in Wohnquartieren, die zur Fabrik gehörten untergebracht. Auch Ko Kyaw Zaya und seine Frau mussten ein neues Zuhause für sich und ihre zwei Kinder suchen. Und sie mussten Geld verdienen. Immer mal wieder gelang es Ko Kyaw Zaya, Arbeit auf dem Bau zu finden. Aber er hatte sein Leben lang in Textilfabriken gearbeitet. Erfahrung auf Baustellen fehlte ihm. Entsprechend selten fand er Unternehmer, die ihn anheuerten.
Eines Tages verkaufte ihm ein Freund ein gebrauchtes Motorrad. Zahlen konnte Ko Kyaw Zaya in Raten. Seitdem fährt er Lieferungen aus – und kämpft weiter für seine Rechte und die Rechte aller ehemaligen Arbeiter*innen von Royal Knitting.


Ko Myint Naing
„Die Fabrik hat uns an diesen Ort gebunden. In Myanmar hat sich alles verändert. Mein Dorf existiert nicht mehr. Es wurde vom Militär zerstört. Dieser Ort – rund um die Fabrik, die uns betrogen hat – ist alles, was ich noch kenne. Meine Frau und ich möchten in das Dorf ziehen, in dem sie groß geworden ist. Es liegt in einem sichereren Teil Myanmars. Doch um nach Hause zurückkehren, um neu anfangen zu können, brauchen wir die Entschädigung.“
OTTO, believe Ko Myint Naing!
Mehr als ein Viertel Jahrhundert hatte Ko Myint Naing (56) zuverlässig und schwer gearbeitet. Heute überlebt er nur dank der Unterstützung seiner Verwandten.
Ko Myint Naing wurde in der ländlichen Region bei Mandalay in Myanmar groß. Was er dort verdiente, reichte nicht zum Leben. Auf der Suche nach einer Perspektive für sich und seine Familie zog er nach Mae Sot. 26 Jahre lang arbeitete er in Textilfabriken, 19 davon bei Royal Knitting.
Die Fabrik war dafür bekannt, regelmäßig und pünktlich zu zahlen. Ko Myint Naing war es wichtig, zuverlässig bezahlt zu werden – „auch wenn ich für einen Lohn schuftete, der weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn lag.“
Zwei Lohnabrechnungen, Monat für Monat
„Dafür unterschrieb ich zwei Lohnabrechnungen, Monat für Monat: eine mit meinem tatsächlichen Lohn (rund 185 Euro/Monat) und eine weitere über rund 500 Euro.“ Ko Myint Naing geht davon aus, dass diese gefälschten Nachweise für Sozialaudits gedacht waren, mit denen die Fabrik immer wieder überprüft wurde.
Ko Myint Naing war wütend
Irgendwann kamen Gerüchte auf. Die Fabrik solle nach Laos umziehen. Es blieben aber Gerüchte. Bis zu dem Tag, als die Royal Knitting in Mae Sot geschlossen wurde. Ko Myint Naing war er wütend. Er fühlte sich betrogen.
Seitdem sucht er Arbeit. Aber wegen seines Alters und fehlender Dokumente findet er keine neue Stelle. Seine Ersparnisse sind mittlerweile aufgebraucht.
Ko Myint Naing, der mehr als ein Viertel Jahrhundert verlässlich und schwer arbeitete, lebt heute von der Unterstützung seiner Verwandten.


San Aye
„Wenn ich etwas esse, kann ich meine Schulden nicht zahlen. Wenn ich meine Schulden zahle, kann ich nicht essen.“
OTTO, believe San Aye!
Mehr als 20 Jahre nähte San Aye (48) bei Royal Knitting Kleidung für Europa. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Heute bleibt ihr und ihrem Kind 1 Euro pro Tag zum Leben.
San Aye war 18, als sie ihre Heimat verließ und nach Mae Sot kam. Allein. Um die Reise bezahlen zu können, hatte sie eine Goldkette verkauft.
Winterpullover für Europa
Seit 1998 nähte sie bei Royal Knitting Kleidung, sitzend, auf dem Fabrikboden, oft Winterpullover für Europa. Sie arbeitete sechs Tage pro Woche, zwölf Stunden am Tag.
„Nachdem die Fabrik geschlossen hatte, suchte ich Arbeit, aber niemand wollte mich wegen meines Alters. Dann starb mein Mann. Es war – und ist – sehr schwer für mich.“
Ein Jahr, nachdem die Fabrik geschlossen worden war, starb ihr Mann an Nierenversagen. Ihre Kinder waren damals 14 und neun Jahre alt.
Wegen ihres Alters hat San Aye bisher keine neue Stelle gefunden. Um Essen und Miete bezahlen zu können, musste sie Kredite aufnehmen. Insgesamt 800 Euro. Zu zehn Prozent Zinsen.
1 Euro am Tag zum Leben
Ihr heute 18-jähriger Sohn verdient als Bauarbeiter rund 80 Euro im Monat und unterstützt seine Familie. Doch schon die Miete kostet 40 Euro. Hinzu kommen die Raten für die Kredite. Am Ende bleiben San Aye und ihrem heute 13-jährigen Kind zum Leben: 1 Euro pro Tag.


Zaw Moe
„Trotz meiner großen Erfahrung werde ich heute als zu alt angesehen. Alle wollen junge Menschen. Niemand will uns.“
OTTO, believe Zaw Moe!
Zaw Moe (55) und seine Frau lernten sich bei Royal Knitting kennen. Wegen der langen Arbeitszeiten ließen sie die Kinder bei den Großeltern in Myanmar.
Zaw Moe wurde als jüngstes von neun Kindern in Thaton geboren, im Süden Myanmars. Sein Vater war Beamter, seine Mutter besaß einen Laden. Das Geld war knapp. Mit 20 Jahren entschied er sich, im Nachbarland Thailand Arbeit zu suchen.
Keine Zeit für die Kinder
Das ist nun 35 Jahren her. Zaw Moe arbeitete in der Landwirtschaft, im Bau – und seit 2001 bei Royal Knitting. Er begann als Weber und Näher, später wurde er Lagerverwalter. Er arbeitete sechs Tage die Woche. An einem dieser Tage begegnete ihm in der Fabrik eine junge Frau. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder. Wegen der langen Arbeitszeiten ließen sie die Kinder bei den Großeltern in Myanmar.
„Ich war am Boden zerstört, als die Fabrik schloss. Ich war einer derjenigen, die den anderen Arbeiter*innen sagen mussten, dass wir unsere Arbeit verloren hatten – während ich selbst noch dabei war, die Nachricht zu verarbeiten. Wir hatten so viele Jahre viel Geld für die Fabrik erwirtschaftet.“
Regelmäßig schickten sie Geld. Bis die Fabrik schloss. Nach fünf Monaten fand Zaw Moes Frau endlich eine neue Stelle in einer anderen Strickfabrik. Doch er selbst hat wegen seines Alters noch immer keine neue Arbeit. Wann immer es geht, übernimmt der ehemalige Lagerverwalter Lieferdienste. Damit verdient er etwa 80 Euro im Monat.
„Es betrifft nicht nur die 195 Arbeiter*innen. Es betrifft ihre gesamten Familien.“
Wieviel die beiden heute ihren Kindern nach Myanmar schicken können: weniger als die Hälfte der früheren Summe.


Myint Myint Aye
„Wir sind Menschen – also behandelt uns wie Menschen. Habt Mitgefühl, haltet das Gesetz ein und zahlt uns, was uns zusteht.“
OTTO, believe Myint Myint Aye!
Arbeiter*innen, die sich für ihre Rechte einsetzen, kommen auf eine inoffizielle „Blacklist“. Myint Myint Aye (45) entschied sich trotzdem zu kämpfen. „Ich will, dass die Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit siegt.“
Als Überschwemmungen die Ernte von Myint Myint Ayes Familie in Bago, Myanmar, zerstörte, mussten die Eltern hohe Schulden aufnehmen, um ihre acht Kinder ernähren zu können.
Auf der Suche nach Arbeit zog Myint Myint Aye mit 20 nach Mae Sot. 15 Jahre lang arbeitete sie bei Royal Knitting als Qualitätskontrolleurin. Bis die Fabrik schloss.
Chaos kurz vor der Schließung
Kurz zuvor hatte Chaos geherrscht, erinnert sich Myint Myint Aye. Arbeiter*innen wurden in andere Abteilungen versetzt, machten Tätigkeiten, für die sie nicht ausgebildet waren. „Der Lohn sank auf etwa 2,50 Euro pro Tag.“ Überall lagen Kleidungsstücke herum. Myint Myint Aye musste sie in Kisten packen.
Bis zum 4. August 2020. Ein Aushang in Englisch und Burmesisch informierte über die Schließung der Fabrik. Selbst diejenigen, die auf dem Gelände lebten, sollten sofort ausziehen.
„Wir waren ihnen egal. Sie haben uns einfach rausgeworfen!“
Bis heute hat Myint Myint Aye keine neue Stelle gefunden. Sie näht zuhause. Die Aufträge kommen unregelmäßig, aber es ist die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Blacklists für Arbeiter*innen, die sich für ihre Rechte einsetzen
Als die Arbeiter*innen begannen, sich zu organisieren, suchten sie Vertreter*innen. Eine riskante Aufgabe. Denn Arbeiter*innen, die sich für ihre Rechte einsetzen, kommen auf eine inoffizielle „Blacklist“. Myint Myint Aye wusste: Wenn sie das Amt annahm, würde sie wahrscheinlich keine Fabrik mehr einstellen. Sie tat es trotzdem. „Ich will, dass die Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit siegt.“
„Es ist nicht nur der Verlust der Arbeit. Wir verloren unseren Status, unsere Dokumente, unsere Sozialversicherung und die Fähigkeit, unsere Familien zu unterstützen. Wir verloren nicht nur einen Job – wir verloren viel mehr.“

Thailand: Arbeiter*innen warten seit 2020 auf ihren Lohn
Auch wenn die Otto Group den Arbeitnehmer*innen die Löhne nicht direkt schuldet, ist sie nach unserer Auffassung nach dem deutschen Lieferkettengesetz dafür verantwortlich, wirksame Maßnahmen zu ergreifen gegen Arbeitsrechtsverletzungen wie die im zugrunde liegenden Fall.
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Recherche und Fotos: © Luke Duggleby/Clean Clothes Campaign, 2025


