Der 12. Juni ist der Welttag gegen Kinderarbeit. Doch dieser Tag ist mehr als nur ein Datum im Kalender! Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag müssen wir uns dieselbe Frage stellen: Warum arbeiten Kinder noch immer?
Zehntausende Kinder, die z.B. in der Textilindustrie in der Türkei arbeiten, sind Unsichtbarkeit und Ausbeutung ausgeliefert. Sie schuften stundenlang für niedrige Löhne in unkontrollierten Sweatshops und werden ihrer grundlegendsten Rechte beraubt – dem Recht auf Spiel, Bildung, Gesundheit und Sicherheit. Diese Situation hat System. Der Bericht „Childhood Lost in Textile“ (in Englisch) zeigt: Kinderarbeit ist keine Randerscheinung, sondern eine strukturelle Praxis, die fest in den Produktionsabläufen des Textil-und Bekleidungssektors verankert ist.
Diese Strukturen werden von mehreren Akteuren aufrechterhalten: von Marken, die auf möglichst niedrige Kosten setzen, von Zulieferbetrieben, die selbst unter prekären Bedingungen ums Überleben kämpfen, und von vermeintlichen Kontrollmechanismen, die kaum wirksam sind. Kinderarbeit lässt sich nicht allein durch Illegalität oder individuelle Böswilligkeit erklären – es handelt sich um ein strukturelles Problem. Das heißt: Um Kinderarbeit wirksam zu bekämpfen, müssen wir diese Strukturen grundlegend ändern.
Kinderarbeit ist kein individuelles Versagen, sondern die Folge tiefgreifender Missstände globaler Produktionssysteme. Die Forderungen internationaler Marken nach immer billigeren und schneller produzierten Waren setzen lokale Zulieferer unter enormen Druck – ein Druck, der ein System nährt, das auf Kinderarbeit basiert.
Das strukturelle Versagen zeigt sich auch darin, dass Erwachsene für Löhne schuften, die nicht zum Leben reichen. Wenn Eltern nicht genug verdienen, um ihre Familien zu versorgen, sind Kinder gezwungen mitzuarbeiten. Das verschärft den Kreislauf von Armut und Ausbeutung – für ganze Familien und für die Arbeiter*innenklasse insgesamt. Als erste und dringendste Maßnahme müssten Modemarken existenzsichernde Löhne entlang ihrer gesamten Lieferkette bezahlen.
Als zivilgesellschaftliche Organisation in der Türkei dokumentieren wir diese Zustände, entwickeln Lösungsvorschläge und arbeiten daran, die internationale Zusammenarbeit zu stärken. Doch die Verantwortung liegt nicht nur vor Ort in den Produktionsstätten. Sie ist global. Die Strukturen, die Kinderarbeit ermöglichen – prekäre Arbeitsbedingungen, fehlende Kontrollen und permanenter Kostendruck – entstehen nicht nur durch lokale Dynamiken. Sie sind das Ergebnis globaler Machtungleichgewichte in den Lieferbeziehungen.
Kinderarbeit ist kein Entwicklungsinstrument, sondern eine Verletzung von Rechten! Die Strukturen, die sie ermöglichen und aufrechterhalten, müssen benannt und grundlegend verändert werden.
Dafür setzen wir uns jeden Tag ein,
Pelin İpek Boyacı & Bego Demir,
Temiz Giysi Kampanyası (Clean Clothes Campaign Turkey)
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FASHIONING A JUST TRANSITION I GESTALTUNG EINES GERECHTEN WANDELS
Diesen Beitrag wurde im Rahmen des Projekts „Fashioning a Just Transition“ verfasst, das von der Europäischen Union kofinanziert wird. Der Inhalt liegt in der alleinigen Verantwortung der Clean Clothes Campaign und spiegelt nicht notwendigerweise die Ansichten der Europäischen Union.







