Zoranas Geschichte – Eine Fabrikarbeiterin in Bosnien und Herzegowina

Zorana arbeitet seit 2010 in der Fabrik. Da sie keine einschlägige Qualifikation vorweisen kann, hat sie nirgends anders eine Anstellung gefunden. Als sie anfing, hier zu arbeiten, absolvierte sie einen unbezahlten Monat als Anlernzeit.

Zorana ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Wenn sie in der Arbeit ist, kümmern sich ihr Mann und die Schwiegermutter um die Kinder. Ihr Mann ist arbeitslos und macht Gelegenheitsjobs in der Bauwirtschaft, wo er tageweise entlohnt wird.

Zorana steht um 5:45 Uhr auf, um die Snacks für ihre Kinder zuzubereiten, dann geht sie zur Arbeit. Weil sie in der Stadt wohnt, nicht weit von der Fabrik, kann sie zu Fuss zu ihrem Arbeitsplatz gehen. Um 15:45 Uhr kommt sie von der Arbeit nachhause. Sie arbeitet 40 Stunden in der Woche. Manchmal arbeitet sie auch am Samstag, was als Überstunden verrechnet wird. Sie wurde nie gefragt, ob sie Überstunden machen könne, es wurde ihr nur gesagt, sie müsse zur Arbeit kommen. Sie hat zwei Wochen Urlaub im Jahr, aber in dieser Zeit bleibt sie zuhause, weil eine Reise unmöglich ist. Einen freien Tag zu bekommen oder wegen Krankheit zuhause zu bleiben ist schwierig. Sogar wenn der Arzt sie krankschreibt, akzeptiert das der Betrieb nicht. Sie hat deshalb erst nach der Geburt der Kinder zu arbeiten begonnen, denn auch Mutterschutz wird nur selten gewährt.

In den letzten drei Monaten hat Zorana etwa 1000 BAM (511 Euro) verdient. Sie weiss nicht, wie ihr Gehalt berechnet wird, denn sie hat nie einen Lohnzettel bekommen. Überstunden werden nicht nach einem höheren Stundensatz bezahlt. Sie ist froh, dass die Löhne pünktlich und ohne Verspätung ausbezahlt werden. Ihr Lohn jedoch richtet sich nach ihrer Leistung. Wenn sie die Produktionsziele nicht einhält, bekommt sie weniger Gehalt. Wenn sie die Norm aber schafft, gibt es keine zusätzlichen Boni. Zorana sagt, dass sie für einen Arbeitstag von acht Stunden hart arbeiten muss und keine Pausen macht, um keine Überstunden machen zu müssen. Sie muss die Ziele erfüllen, denn sie ist in ihrer Familie die einzige, die Arbeit hat. “

Zoranas Familie gibt im Monat etwa 550 BAM (281 Euro) für Lebensmittel aus. Durch den Gemüseanbau in ihrem kleinen Garten gelingt es der Familie, einen wesentlichen Teil ihrer Lebensmittel selbst zu erzeugen. Für Strom und Wasser sind monatlich 60 BAM (31 Euro) vorgesehen, für Telefon und Internet 30 BAM (15 Euro). Das Haus wird mit Holz geheizt, die Familie muss etwa 600 BAM (307 Euro) für die Holzeinkäufe ausgeben. Kleidung wird nur gekauft, wenn es wirklich nötig ist, aber selbst dann haben die Kinder Priorität. Die Erwachsenen nehmen, was übrig bleibt. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, Geld auf die Seite zu legen. Wenn etwas Dringendes ansteht, leihen sie sich normalerweise Geld von Verwandten. Zorana würde gerne in Urlaub fahren, Verwandte besuchen, ihren Kindern ausserschulische Aktivitäten und verschiedene Kurse ermöglichen. Um sich diese Dinge leisten zu können, müsste ihr Gehalt bei mindestens 1200 BAM (613 Euro) liegen, was unerreichbar zu sein scheint.

Selbst wenn sie wollte, könnte sie sich nicht über die Arbeitsbedingungen, die Bezahlung und die Arbeitszeiten beschweren, weil es niemanden gibt, an den sie sich wenden könnte. Meist beschwert sie sich nicht einmal bei den ArbeitskollegInnen, weil sie Angst hat, dass der Fabrikchef davon erfahren könnte. Der Druck wird jeden Tag grösser, und ihre Kraft lässt nach. Sie sieht den einzigen Ausweg darin, ins Ausland zu gehen. Das ist ihr einziger Traum, aber bis sich etwas ändert, bis die Dinge besser und humaner werden, muss sie still sein und weitermachen.

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