„Unheilige Allianzen“ in El Salvador

Maquila-Betriebe setzen Gangs auf Gewerkschaftsmitglieder an.

Miserable Arbeitsbedingungen, geringe Löhne, Unterdrückung von Gewerkschaften – all dies ist nicht neu, wenn es um die Weltmarktfabriken in El Salvador geht, wo seit den 90er Jahren Kleidung für bekannte Marken weltweit hergestellt werden. Was jedoch die Studie „Unholy Alliances“ im Auftrag des Center for Global Workers‘ Rights (CGWR) an der PennState University und des Worker Rights Consortium (WRC) herausgefunden hat, sind erschreckende Erkenntnisse über die Brutalität, mit der fundamentale Arbeitsrechte verletzt werden. So sollen der Anfang 2015 veröffentlichten Studie zufolge FabrikmanagerInnen verstärkt mit kriminellen Banden zusammenarbeiten, um Gewerkschaftsmitglieder einzuschüchtern und zu bedrohen.

Produziert wird in den Maquilas unter anderem für bekannte Marken wie Adidas, Nike, Walmart und Puma, die von den Steuervorteilen und den geringen Lohnkosten profitieren.

Wer sich wehrt, lebt gefährlich

Wenn ArbeiterInnen versuchen, ihre Situation zu verbessern und mit Hilfe von Gewerkschaften auf die Einhaltung fundamentaler Arbeitsrechte pochen, gehen die FabrikmanagerInnen gezielt dagegen vor. Die gezielte Einschüchterung von Gewerkschaftsmitgliedern durch bezahlte Gangmitglieder ist ein neuer Trend, den die Studie aufdeckt.

Obwohl Vereinigungsfreiheit als festgeschriebenes Recht der Universellen Erklärung der Menschenrechte der UNO und der Erklärung fundamentaler Prinzipien und Rechte auf der Arbeit der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) gilt, ist El Salvador in der Praxis weit von der Umsetzung dieses Rechts entfernt. Ein erfolgreiches Prinzip zur Gewerkschaftsunterdrückung ist das sog. „Blacklisting“. AktivistInnen werden dabei namentlich bekannt und finden nach ihrer Entlassung keine Anstellung mehr in einer anderen Fabrik. Gezielte Einschüchterungen und Todesdrohungen gegen Gewerkschaftsmitglieder sind weitere effiziente Mittel.

„LD-Manager haben Bandenmitglieder angeworben, um sicherzustellen, dass die Drohungen die gewerkschaftlich organisierten Mitglieder direkt auf dem Firmengelände erreichen“, berichtet eine Näherin des koreanischen Unternehmens LD El Salvador. Sie ist eine der mutigen ArbeiterInnen, die zu anonymen Interviews bereit waren.

Einschüchterung durch Morddrohungen

„Ich erhalte Anrufe, in denen man mir sagt, dass ich tot in einem schwarzen Sack enden werde, sollte ich die Gewerkschaft nicht verlassen“, erzählt die Beschäftigte eines Maquila-Unternehmens, das für die Firmen Náutica und Walmart produziert. Die Morddrohungen sind ernst zu nehmen. El Salvador hat nach Honduras die zweithöchste Mordrate der Welt. Etwa 70 Morde kommen auf 100 000 Einwohner. Bandenkriminalität und Drogenhandel gelten als verantwortlich dafür. Kein Wunder also, dass die Einschüchterungstaktik Wirkung zeigt. „Nur noch 60 meiner 155 Kolleginnen sind in der Gewerkschaft geblieben“, so die Näherin weiter.

In einer Maquila-Fabrik von F&D, einem Unternehmen aus Taiwan, sollen Manager in Begleitung von Bandenmitgliedern auf dem Fabrikgelände erschienen sein und gezielt auf gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnen gezeigt haben. Auch bei einem Gewerkschaftstreffen im November 2013 sollen einer Beschäftigten zufolge Bandenmitglieder zusammen mit Firmenmanagern erschienen sein. Carlos Sánchez, ein Teilnehmer dieses Treffens, sei im Januar vergangenen Jahres unter ungeklärten Umständen getötet worden. Vom Generalstaatsanwalt sei der Fall jedoch nicht weiterverfolgt worden. Die Morde an Gewerkschaftsmitgliedern zeigen, dass die Banden keine leeren Drohungen machen und sie verfehlen ihre Wirkung nicht.

Kriminelle Verbündete

Wie kommt es zu dieser ungewöhnlichen Allianz von FabrikbesitzerInnen und kriminellen Banden? Aus der Studie geht hervor, dass die meisten FabrikmanagerInnen ohnehin Kontakte zu kriminellen Banden pflegen, da die Fabriken oft in deren Territorien liegen und eine Schutzgebühr bezahlt werden muss.

Die Bandenmitglieder werden nachweislich von den FabrikmanagerInnen angeheuert und sollen sie dabei unterstützen, ihre Interessen durchzusetzen. Da die Gangs für gewaltsame Verbrechen und skrupellose Morde bekannt sind, reicht allein das Erscheinen ihrer Mitglieder oftmals aus, um die Beschäftigten gefügig zu machen. „Bewaffnete in Autos warten nach Schichtende vor der Fabrik. Auch wenn sie niemanden ansprechen, stellt ihre bloße Anwesenheit eine große psychische Belastung dar“, berichtet eine Näherin.

Die Drohungen beziehen sich zum Teil explizit auf Aktivitäten der Gewerkschaften. Während eines Streiks in einer Fabrik in der Freihandelszone von San Marcos z.B. wurden mehrere AktivistInnen von Bandenmitgliedern brutal attackiert und geschlagen.  Einer anderen Arbeiterin wurde am ersten Streiktag ein Handy in die Hand gedrückt. Ein Mann mit starkem Banden-Slang teilte ihr durch den Apparat mit, er stehe vor ihrem Haus und könne ihre Kinder sehen. Wenn sie nicht wolle, dass ihnen etwas zustoße, solle sie gefälligst mit dem Streik aufhören.

Obwohl El Salvador mehrere internationale Abkommen zum Schutz dieses wichtigen Arbeits- und Menschenrechts unterzeichnet hat, geschieht bei weitem zu wenig, wenn es um den praktischen Schutz der ArbeiterInnen geht. Vor allem aber müssten sich die Marken und Händler für die Missstände in den Fabriken verantwortlich zeigen. Regelmäßige, unabhängige Kontrollen könnten illegale Aktivitäten besser aufdecken.

>> Studie zum Download

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