Fabrikbrand bei Ali Enterprises: Betroffene haben noch immer keine vollständige Gerechtigkeit erfahren

Acht Jahre nach einem Brand in einer pakistanischen Bekleidungsfabrik, bei dem mehr als 250 Arbeiter*innen ums Leben kamen, kämpfen ihre Familien noch immer, dass die verantwortlichen Unternehmen ihre Verantwortung für diese Tragödie übernehmen. An diesem Tag sind unsere Gedanken bei den betroffenen Familien und ihrem Kampf für Gerechtigkeit. Jetzt hat die italienische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RINA die einmalige Chance, für die Fehler der Vergangenheit einzustehen.

Am 11. September 2012, als in der Fabrik von Ali Enterprises in Karatschi ein Feuer ausbrach, hatten viele Arbeiter*innen keine Chance zu entkommen. Eine Computersimulation des Brandes durch die Forschungsgruppe Forensic Architecture zeigt, dass die Fabrik ganz offensichtlich unsicher war. Eine korrekte Umsetzung der pakistanischen und internationalen Sicherheitsvorschriften hätte viele Leben retten können. Allerdings hatten weder die Fabrikbesitzer noch der Hauptkunde, das deutsche Einzelhandelsunternehmen KiK, einen Anreiz, die Sicherheit in der Fabrik zu verbessern. Erst kurz zuvor wurde die Sicherheitszertifizierung der Fabrik von der italienischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft RINA nach dem Standard SA8000 der Social Accountability International geprüft und verlängert.

Das vorherrschende Sozialaudit-System mit RINA als ausführender Instanz konnte die Arbeiter*innen dieserFabrik in Karatschi nicht schützen, ebenso wie es vor und nach diesem Tag noch viele weitere Arbeiter*innen im Stich gelassen hat. Das Audit-System erzielt Gewinne auf der Grundlage der Bedürfnisse der Unternehmen. Es zeigt an, dass sie „etwas“ im Bereich der Arbeitsplatzüberwachung tun und dadurch schützt es die Unternehmen, statt die Arbeitsbedingungen tatsächlich zu verbessern. Die Rechtssysteme haben es bisher versäumt, die Audit-Firmen für ihre tödlichen Zusicherungen zur Rechenschaft zu ziehen.

Im Jahr 2018 reichten Familien, die vom Fabrikbrand bei Ali Enterprises betroffen waren, zusammen mit einer Koalition aus pakistanischen und europäischen NGOs bei der Nationalen Kontaktstelle (NKS) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beim Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung in Rom eine Beschwerde gegen RINA ein. RINA sollte die OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen beachten. In Übereinstimmung mit diesen Richtlinien haben die Beschwerdeführer*innen RINA gedrängt, den ursprünglichen Prüfbericht zu veröffentlichen und den Familien Abhilfe und eine Entschuldigung anzubieten.Sie fordern RINA auf, diesen Moment zu nutzen – Während die Bekanntgabe des Ergebnisses des Verfahrens noch aussteht, hat das Audit-Unternehmen die Möglichekit, seine Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und damit einen ersten Schritt zu gehen, den Familien zumindest etwas Gerechtigkeit zu verschaffen.

„Die brennende Fabrik wurde zu einer Todesfalle für meinen Sohn. Niemand wird jemals in der Lage sein, diesen Verlust wiedergutzumachen. Die Eigentümer der Fabrik von Ali Enterprises, KiK als Käufer und die italienische Zertifizierungsstelle RINA sollten jedoch ihre Verantwortung übernehmen und ihre Fehler zugeben, die zu seinem Tod geführt haben „, sagte Saeeda Khatoon, Präsident der Ali Enterprises Factory Fire Affectees Association.

Die Familien von den Opfern des Ali Enterprises-Brandes kämpften mehr als vier Jahre lang darum, von dem deutschen Discounter KiK eine Art langfristige finanzielle Entschädigung zu erhalten. Der Versuch, das Unternehmen auch vor einem deutschen Gericht zur Rechenschaft zu ziehen scheiterte jedoch ebenso wie der Versuch RINA vor einem italienischen Gericht zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist daher höchste Zeit, dass multinationale Unternehmen für die Missachtung der Sorgfaltspflicht in ihren Lieferketten rechtlich Verantwortung übernehmen. Dies könnte durch eine obligatorische menschenrechtliche Due-Diligence-Prüfung, wie sie von EU-Kommissar Didier Reynders vorgeschlagen wurde, oder durch die Lieferketten-Gesetzgebung, wie sie in Deutschland diskutiert wird, sowie durch eine Regelung, die die gesetzliche Haftung von Sozialaudit-Firmen einführt, geschehen.

Weitere Infos:

Ali Enterprises:

Sozialaudits:

Der bei der italienischen NKS eingereichte Fall:

Kontakt:

Artemisa Ljarja, Eilaktionskoordinatorin, Kampagne für Saubere Kleidung, eilaktionen@saubere-kleidung.de,

Christie Miedema, Clean Clothes Campaign, christie@cleanclothes.org, +31 6 42060638
Anabel Bermejo, ECCHR, presse@ecchr.eu, +49 30 6981 9797
Charity Ryerson, Corporate Accountability Lab, charity@corpaccountabilitylab.org

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