Sieben Jahre Bündnis für nachhaltige Textilien: Wie viel Ambition steckt noch drin?

Die Zivilgesellschaft im Textilbündnis wird Ende 2021 anhand der Roadmaps von Mitgliedsunternehmen kritisch Bilanz ziehen

Textilbündnis weit entfernt vom Ziel existenzsichernder Löhne

Das Bündnis für nachhaltige Textilien ist 2014 angetreten, um nachweislich die sozialen und ökologischen Bedingungen entlang der gesamten textilen Lieferkette zu verbessern. Existenzsichernde Löhne waren seitdem auf der Agenda, aber bisher fehlt bei diesem Thema nachweislicher Fortschritt. Die COVID-19-Krise hat vielmehr gezeigt, wie rücksichtslose Einkaufpraktiken hiesiger Textil-Marken- und Einzelhandelsunternehmen, etwa Auftragsstornierungen oder geringere oder verspätete Zahlung von Aufträgen, Arbeiter*innen in ihrer Lieferkette ins Bodenlose stürzen lassen. Die morgige 7. Mitgliederversammlung widmet sich daher schwerpunktmäßig fairen Einkaufspraktiken. „Unternehmen dürfen nicht bei einem Austausch stehen bleiben, sondern müssen mit einem progressiven Geist die vorhandenen Ideen auch zügig umsetzen. Wir fordern, dass Unternehmen sich zu fairen Einkaufspraktiken verpflichten, um endlich Existenzsichernde Löhne, aber auch soziale Sicherung von Arbeiter*innen zu erreichen“, sagt Berndt Hinzmann vom INKOTA-Netzwerk.

Zivilgesellschaft wird Textilbündnis auf Grundlage der von Unternehmen eingereichten Roadmaps bewerten

Für die Zivilgesellschaft ist der in diesem Monat gestartete Review-Prozess eine Wegmarke, um zu bewerten, ob das Bündnis und seine Mitgliedsunternehmen noch auf einem glaubwürdigen Pfad zu nachweislichen Verbesserungen sind. Im Review-Prozess berichten Mitgliedsunternehmen, welche menschenrechtlichen, ökologischen und korruptionsbezogenen Risiken in ihren Lieferketten bestehen und wie sie hierzu Verbesserungen erreichen möchten. Die Berichte werden geprüft und voraussichtlich im Oktober veröffentlicht. Sabine Ferenschild vom SÜDWIND-Institut kündigt an: „Die Zivilgesellschaft im Textilbündnis wird dann genau analysieren, ob die veröffentlichten Roadmaps nachvollziehbar sind und die Unternehmen ambitioniert und wirkungsorientiert die vielfältigen Probleme der Lieferkette angehen: Hungerlöhne, Einsatz gefährlicher Chemikalien, Korruption, geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung, Zwangsarbeit in Xinjiang, Verletzungen von Vereinigungsfreiheit etwa in Myanmar, um nur einige zu nennen. Unternehmen sollten dies als Training für zukünftige Lieferkettengesetzgebung in Deutschland oder der EU begreifen.“

Textilbündnis muss sich als Katalysator für Best Practices beweisen

Die Roadmaps müssen widerspiegeln, dass Unternehmen ihre Teilnahme im Textilbündnis in effektive Maßnahmen für Verbesserungen übersetzen. „2020 war geschlechtsspezifische Gewalt Jahresthema im Bündnis. Wir erwarten, dass sich dies in den Roadmaps der Unternehmen in Form von ambitionierten Zielen und wirkungsorientierten Maßnahmen niederschlägt. Beim Thema Existenzsichernde Löhne sollten möglichst viele Unternehmen einer Bündnis-Initiative beitreten, um gemeinsam bestehende Lücken zwischen gezahlten und Existenzsichernden Löhnen zu schließen,“ sagt Gisela Burckhardt von FEMNET. Gleichzeitig muss das Textilbündnis selbst zu Best Practices aufschließen. Im Textilbündnis sind nur 23 von 85 Unternehmen bereit, freiwillig ihre Lieferanten in einer aggregierten Liste zu veröffentlichen. Andere Initiativen verlangen von ihren Mitgliedern verbindlich die Offenlegung von Lieferanten. Mangelnde Lieferkettentransparenz untergräbt eine wirksame Prüfung von Roadmaps im Review Prozess.

Hintergrund-Informationen

  • Weitere Informationen: www.nro-textilbuendnis.de
  • Zivilgesellschaft im Textilbündnis (2020): Synthese-Bericht: Auswirkungen von COVID-19 auf die Textilindustrie
  • Diese Pressemitteilung wurde von den zivilgesellschaftlichen Organisationen im Steuerungskreis verfasst und repräsentiert nicht zwangsläufig die Meinung aller zivilgesellschaftlichen Mitglieder. Das Textilbündnis hat 21 zivilgesellschaftliche Mitgliedsorganisationen, die von FEMNET, INKOTA-netzwerk und dem SÜDWIND-Institut im Steuerungskreis vertreten werden.

Ansprechpartner*innen:

Berndt Hinzmann, INKOTA-netzwerk, hinzmann@inkota.de, Tel.: 0160 94 69 87 70
Dr. Sabine Ferenschild, SÜDWIND-Institut, ferenschild@suedwind-institut.de, Tel: 01578 9606450
Dr. Gisela Burckhardt, FEMNET, gisela.burckhardt@femnet.de, Tel.: 0152 01774080

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