Ein Mensch hält ein Plakat hoch. Andere halten Blumen ins Bild.
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Offener Brief: Unternehmerische Verantwortung übernehmen – rechtliche Einschüchterung beenden

Seit bald 6 Jahren fordern warten ehemalige Beschäftigte der Fabrik Royal Knitting auf ausstehende Löhne und Abfindungen. Mit diesem offenen Brief an die OTTO-Group unterstützen zahlreiche Akteure, die Forderung der Betroffenen und fordern außerdem ein Ende der rechtlichen Einschüchterungsversuche seitens des Konzerns.

Sehr geehrter Herr Dr. Otto,
sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrats der Otto-Group,

mit großer Sorge sehen wir die rechtlichen Schritte und rechtlichen Drohungen, die Ihr Unternehmen gegen die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC Deutschland) und das International Office der Clean Clothes Campaign (CCC International) im Zusammenhang mit dem Fall der 209 entlassenen Arbeiter:innen der Royal-Knitting-Fabrik in Thailand unternommen hat.

Mit diesem offenen Brief appellieren wir an Sie als deutsches Traditionsunternehmen mit dem Image eines Vorreiters in Sachen Nachhaltigkeit und Verantwortung: Verlassen Sie den Irrweg rechtlicher Einschüchterungsversuche und suchen Sie stattdessen einen offenen und lösungsorientierten Dialog.

Die juristischen Maßnahmen Ihres Unternehmens betreffen einen gravierenden Fall: 2020 wurden 209 Arbeiter:innen der Fabrik Royal Knitting in Thailand fristlos entlassen. Sie hatten über Jahre hinweg Kleidung für OTTO-Marken produziert. Obwohl ein thailändisches Gericht Royal Knitting bereits 2021 zur Zahlung ausstehender Löhne und Abfindungen in der Höhe von umgerechnet rund einer Million Euro verurteilt hatte, warten die Betroffenen fast fünf Jahre nach der Schließung der Fabrik noch immer auf Gerechtigkeit. Kern der Kampagne ist die Frage, inwieweit OTTO Verantwortung dafür trägt, dazu beizutragen, dass die Arbeiter:innen die ihnen zustehenden Zahlungen erhalten.

Auch wenn OTTO nach eigener Auffassung seit 2017 nicht mehr in einer Lieferbeziehung zu Royal Knitting stand, legen Unternehmensbeteiligungen, in der Fabrik gefundene Dokumente und eidesstattliche Aussagen von Arbeiter:innen nahe, dass bis zur Schließung im April 2020 Kleidung für OTTO-Marken in der Fabrik produziert wurde.

Seit 2021 wandten sich CCC Deutschland und CCC International wiederholt und inhaltlich fundiert an OTTO, um die Anliegen der Arbeiter:innen zu vertreten. Dennoch zeigte OTTO keine substantielle Bereitschaft, ernsthaft darüber nachzudenken, die Arbeiter:innen bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche gegen die Fabrik zu unterstützen oder für die ausstehenden Löhne und Abfindungen aufzukommen. Daher sahen die betroffenen Arbeiter:innen gemeinsam mit der CCC (Deutschland und International) im Mai 2024 keine andere Möglichkeit, als durch eine öffentliche Kampagne auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen.

Kaum hatte die öffentliche Kampagne begonnen, reagierte OTTO mit juristischen Drohungen. Die CCC Deutschland war dadurch gezwungen, kostenintensiven juristischen Beistand in Anspruch zu nehmen. Über eine Anwaltskanzlei forderte OTTO, dass die CCC Deutschland eine Unterlassungserklärung wegen angeblicher Falschbehauptungen, Rufschädigung und wirtschaftlicher Schädigung unterzeichnet. Diese Unterlassungserklärung hat die deutsche CCC geleistet, sie bezieht sich aber nur auf bestimmte Formulierungen, nicht auf die Substanz der Aussage.

Entscheidend ist: Die CCC (Deutschland und International) hielten – gestützt auf bestehende Indizien – in der Hauptsache an ihrer Position fest, dass OTTO eine Verantwortung für die entlassenen Arbeiter:innen und ausstehenden Zahlungen trägt und dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Ungerechtfertigterweise hat OTTO in den Medien den irreführenden Eindruck erweckt, die CCC Deutschland habe in Bezug auf diese zentrale Frage falsche und unbegründete Vorwürfe gegen das Unternehmen erhoben und dies durch die Unterzeichnung der Unterlassungserklärung eingestanden. Dies entspricht nicht der Wahrheit.

Die CCC Deutschland wie auch CCC International engagieren sich für die Wahrung von Arbeits- und Menschenrechten in der globalen Bekleidungsindustrie – ein Engagement, das unverzichtbar für Demokratie und die öffentliche Debatte über Unternehmensverantwortung ist. Zentral dabei: Stimmen der Arbeiter:innen aus den Produktionsländern in Konsumländern hörbar zu machen.

Am 11. Juni 2025 stellte die deutsche NoSLAPP-Anlaufstelle nach eingehender Prüfung fest, dass das Vorgehen Ihres Unternehmens als strategischer Missbrauch juristischer Mittel (SLAPP – Strategic Lawsuit Against Public Participation) einzustufen sei. Laut NoSLAPP-Anlaufstelle diente die Androhung rechtlicher Schritte in erster Linie dem Zweck, kritische Berichterstattung zu unterdrücken oder zu verändern – ein Einschüchterungsversuch, der der demokratischen Debattenkultur im Allgemeinen und der Menschenrechtsarbeit der CCC im Speziellen erheblich schadet.

Darüber hinaus hatte das Vorgehen auch eine einschüchternde Wirkung auf die 209 betroffenen Arbeiter:innen. Anstatt auf ihre Forderungen einzugehen, wurden die rechtlichen Schritte gegen die CCC von den Arbeiter:innen – viele von ihnen besonders verletzliche Wanderarbeiter:innen aus Myanmar – als gezielte Einschüchterung empfunden.

Auch die CCC International sah sich im Februar 2025 mit rechtlichen Drohungen seitens OTTO konfrontiert – obwohl ihr Handeln, ebenso wie das der CCC Deutschland, durch die EU-Anti-SLAPP-Richtlinie (2024/1069, (11)) ausdrücklich geschützt ist. Die Richtlinie stellt klar: „Menschenrechtsverteidiger sollten in der Lage sein, sich aktiv am öffentlichen Leben zu beteiligen und sich für Verantwortlichkeit einzusetzen, ohne Angst vor Einschüchterung haben zu müssen“.

In diesem Sinne fordern wir Sie nachdrücklich auf,

  • künftig rechtliche Einschüchterungsversuche gegen die CCC (Deutschland und International) zu unterlassen;
  • als verantwortungsbewusstes Unternehmen ernsthafte Verhandlungen mit den betroffenen Arbeiter:innen und ihren Vertreter:innen aufzunehmen – in gutem Glauben, auf Augenhöhe und mit dem Ziel, den Fall so schnell wie möglich zu lösen.

Sie betonen: „Wir übernehmen Verantwortung für unser Handeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“ Die derzeitige Praxis Ihres Unternehmens sehen wir hierzu jedoch in klarem Widerspruch. Glaubwürdige unternehmerische Verantwortung beginnt dort, wo Kritik nicht juristisch bekämpft, sondern zum Ausgangspunkt von Veränderung gemacht wird.

Wir, die Unterzeichnenden, unterstützen die CCC und ihre Forderungen.

Mit Nachdruck und in der Hoffnung auf konstruktives Verhalten,

Clean Clothes Campaign International Office
Kampagne für Saubere Kleidung Deutschland e.V.
Kairos Europa e.V.
oikos-Institut für Mission und Ökumene Ev. Kirche von Westfalen
INKOTA-netzwerk e.V.
Romero Initiative (CIR) e.V.
Vereinte Evangelische Mission (VEM)
cum ratione gGmbH
SÜDWIND-Institut e.V.
Fabian Holzheid (Geschäftsführer)
Umweltinstitut München e.V.
Dominic Kloos (Geschäftsführer), Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar e.V.
Tilman Massa (Geschäftsführer), Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre e.V.
Dr. Gisela Burckhardt, FEMNET e.V.
LabourNet Germany
Global Policy Forum Europe e.V.
Tierra – Eine Welt e.V.
Regionalgruppe Stuttgart Kampagne für Saubere Kleidung 
Initiative “Auf der Suche nach einem tragbaren Lebensstil” (Hannover)
Ulrike Mann (Vorstandsvorsitzende), TERRE DES FEMMES e.V.
aej – Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. 
ESG – Verband der Evangelischen Studierendengemeinden in Deutschland
Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen (ENS)
Die Bürokratiemonster (Weltweiterdenken e.V.)
Prof. Dr. Alexander Gallas, Professor, UAS Frankfurt
Prof. Dr. Reingard Zimmer, Professorin für Arbeitsrecht, Hochschule für Wirtschaft und Recht (Berlin)
Dr. Alice Bertram, Leuphana Universität Lüneburg

Gabriele Köhler, Entwicklungsökonomin
Dr. Peter Clausing, Partner Südmexikos e.V.
Anton Pieper, WEED e.V. – World Economy Ecology and Development
Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Deutschland (KAB)
Aaron Valent, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Agnes Conrad, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Tamara Mazzi, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Sascha H. Wagner, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Sahra Mirow, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Christin Willnat, Mitglied des Deutschen Bundestages Fraktion Die Linke
Lizzy Schubert, Mitglied des Deutschen Bundestages Fraktion Die Linke
Kathrin Gebel, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Julia-Christina Stange, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Luigi Pantisano, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Pascal Meiser, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Clara Bünger, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Vinzenz Glaser, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke
Cem Ince, Mitglied des Deutschen Bundestages, Fraktion Die Linke

 

 

Otto, Royal Knitting, Thailand

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