Zertifizierung trotz Arbeitsrechtsverletzung? Rund vier Millionen Menschen arbeiten im Textilsektor in Bangladesch. Die meisten von ihnen sind Frauen. 248 der insgesamt rund 4.000 Textilfabriken des Landes haben mit ihrer LEED-Zertifizierung internationalen Modemarken zu einem besseren Image verholfen.
LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) ist ein vom US Green Building Council entwickeltes Zertifizierungsverfahren. Es gibt einen Standard für ökologisch nachhaltige Gebäude und reduzierten Energieverbrauch vor. Bangladesch ist heute weltweit führend in der Zahl der LEED-zertifizierten und damit als „grün“ eingestuften Bekleidungsfabriken.
FAIR, Mitgliedsorganisation der Clean Clothes Campaign, hat zwischen Oktober 2024 und Mai 2025 untersucht, wie „grün“ die bangladeschischen Textilfabriken wirklich sind. Die Untersuchung konzentrierte sich auf acht Fabriken. Dort gibt es keinerlei Gewerkschaftsvertretung und die Differenz zwischen tatsächlichen Löhnen und dem geschätzten existenzsichernden Lohn beträgt 70 %. Das heißt: Die Arbeiter*innen können kein menschenwürdiges Leben führen.
Ziel war es, den Umweltschutz, die Rechte der Arbeiter*innen und hochwertige Arbeitsplätze gleichermaßen – also die Kernpfeiler eines gerechten Wandels –zu fördern. Der Bericht bewertet die Bekleidungsindustrie in Bangladesch, die bedeutende Modemarken in Europa und weltweit beliefert. Dazu gehören: Benetton, Bestseller, Decathlon, Fruit of the Loom, GAP, H&M, Hugo Boss, Kiabi, M&S, NEXT, OVS, Zara und Wrangler.
Die Daten wurden in Zusammenarbeit mit dem Bangladesh Centre for Worker Solidarity erhoben.
Das Ergebnis: Arbeitsrechtsverletzungen in scheinbar grünen Fabriken
Neben einer qualitativen Momentaufnahme der aktuellen Gegebenheiten benennt der FAIR-Bericht konkreten Schritte, die nötig sind, um einen gerechten Übergang zu ermöglichen:
Aufruf an die Marken, die den Accord noch nicht unterzeichnet haben,
wie Decathlon, Fruit of the Loom, GAP, Kiabi und Wrangler, endlich dem Internationalen Abkommen für Gesundheit und Sicherheit in der Textil-und Bekleidungsindustrie in Bangladesch beizutreten.
Aufforderung an Marken, die den Accord bereits unterschrieben haben:
- klimabedingte Risiken wie Hitzestress in Inspektionen und verbindliche Maßnahmenpläne aufnehmen.
- faire Einkaufspreise und verantwortungsvolle Geschäftspraktiken gewährleisten.
Produzierende, Marken und die Regierung Bangladeschs
müssen durch Tarifverhandlungen und verbindliche Vorschriften
- alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt und Belästigung in Fabriken verhindern und bekämpfen.
- garantieren, dass Arbeiter*innen frei und ohne Angst vor Vergeltungsmaßnahmen Gewerkschaften ihrer Wahl gründen oder beitreten können.
Anerkennung und Umsetzung eines existenzsichernden Lohns.
Dieser ermöglicht es Arbeitenden, sicheren Wohnraum zu finanzieren, gesunde Lebensmittel zu kaufen und in Belüftungs-, Isolierungs- und Kühlsysteme zur Bewältigung der Klimakrise sowie die Gesunderhaltung der Familie zu investieren.
Katastrophale Arbeitsbedingungen in LEED*-zertifizierten Fabriken
Interviews mit Arbeiter*innen wie Fatima, Shima und Reshma machen die Diskrepanz deutlich:
„Nur von außen sieht es einigermaßen sauber aus, ist die Umgebung schön anzusehen. Intern werden die Richtlinien nicht ordnungsgemäß befolgt […] Die Arbeitsabläufe und Regeln sehen von außen gut aus, werden in der Praxis aber nicht eingehalten. Diese Fabrik ist nur dem Namen nach ,grün‘.“ (Fatima)
Shima ergänzt: „Was nützt es, wenn die Fabrik von außen schön wie ein Garten aussieht, wir aber drinnen nicht in Ruhe arbeiten können? Wir haben unsere Vorgesetzten mehrfach auf das Hitze-Problem hingewiesen, aber es hat sich nichts geändert. Wir haben um Vorhänge gebeten, um uns wenigstens vor der direkten Sonneneinstrahlung zu schützen, aber ohne Erfolg.“
Reshma erinnert sich an die gemeinsamen Erfahrungen in der Fabrik:
„Alle Arbeiter*innen erklärten, dass der staubige Arbeitsplatz ihr größtes Gesundheits- und Umweltproblem sei. Das Gebäude ist klimatisiert und die Klimaanlage ist ständig eingeschaltet. Aber es gibt nicht genügend Belüftung oder Abluftventilatoren, um den Staub abzusaugen, sodass die Arbeitenden sehr oft krank werden. […] Sie beschwerten sich in den letzten sechs Jahren mehrfach bei der Geschäftsleitung, aber es wurden keine Maßnahmen ergriffen, nur die Aufforderung, Masken zu tragen. Aber die Staubbelastung ist so stark, dass Masken uns nicht schützen können.“
Es droht eine beispiellose Krise
Kalpona Akter, eine führende Verfechterin der Rechte von Textilarbeiter*innen und Präsidentin der Bangladesh Garment & Industrial Workers Federation, äußert sich dazu so: „Bangladesch ist eines der klimavulnerabelsten Länder der Welt. Steigende Temperaturen, Überschwemmungen und der Anstieg des Meeresspiegels bedrohen derzeit sowohl die Infrastruktur als auch die Gesundheit der Arbeiterinnen. Ohne erhebliche Investitionen in klimaresistente Infrastruktur und den Schutz der Arbeitenden droht dem Sektor eine beispiellose Krise. Wir erwarten von den Unterzeichnern des Internationalen Abkommens, dass sie bis zum 24. April, dem 12. Jahrestag des Rana Plaza, Klimarisiken in das Programm aufnehmen.“
Der Einsturz des Rana Plaza-Gebäudes in Dhaka vor dreizehn Jahren war eine Tragödie, die die systematische Vernachlässigung der Arbeitssicherheit und die ausbeuterische Logik hinter der Fast Fashion offenlegte.
„Top-down-Umweltmaßnahmen, ohne die Einbeziehung der Arbeiter*innen in die verschiedenen Phasen des Übergangs, sind weder ausreichend noch wirksam, um eine saubere, faire und demokratische Modeindustrie innerhalb der planetarischen Grenzen zu erreichen“, erklärt Deborah Lucchetti, Sprecherin von Campagna Abiti Puliti, einer Mitgliedsorganisation der Clean Clothes Campaign. „Dazu sind strukturelle und systemische Veränderungen auf nationaler und internationaler Ebene erforderlich. Für Marken, die noch zögern, das Abkommen zu unterstützen, wäre dessen Unterzeichnung ein erster Schritt in die richtige Richtung.“






