Eine Gruppe Menschen hält Transparente hoch

Ein Netzwerk, das Mut macht

Rückblick auf das Aktionstreffen der Kampagne für Saubere Kleidung 2026

von Sarah Wagner, Südwind e. V.

Vom 13. bis 15. März fand das diesjährige Aktionstreffen der Kampagne für Saubere Kleidung in Würzburg statt. Dort durfte ich, Sarah Wagner, zum ersten Mal dabei sein. Als Praktikantin beim SÜDWIND-Institut arbeite ich im Projekt „Fashioning a Just Transition”. Als Studentin der Nachhaltigen Sozialpolitik beschäftige ich mich in der Theorie viel mit globalen Zusammenhängen und sozialpolitischen Problemen, aber die weitreichende Arbeit eines aktiven Netzwerks hat mir das komplexe Zusammenspiel von globaler Gerechtigkeit, Klimaschutz und Modeindustrie ganz anders aufgezeigt.

Das Wochenende, organisiert von der Kampagne für Saubere Kleidung und dem SÜDWIND-Institut, war ein Raum, in dem künstlerische Perspektiven, entwicklungspolitisches Fachwissen und die Schnittmengen von Klimagerechtigkeit, Demokratiearbeit und globalen Menschenrechten zusammenfanden. Ob in Workshops zum Upcycling, bei inhaltlichen Panels zur Rolle von Gewerkschaften in der Just Transition oder einer gemeinsamen Demonstration – die Atmosphäre war von einem herzlichen Miteinander geprägt. Besonders spürbar wurde diese Energie für mich in der Begegnung mit drei Aktivistinnen, die verschiedene Facetten dieses Netzwerkes repräsentieren.

Drei Perspektiven, eine gemeinsame Vision

Obwohl sie aus verschiedenen Ecken Deutschlands kommen und verschiedenste aktivistische Hintergründe haben, fanden alle drei am Wochenende nach Würzburg.

Barbara Otto ist Künstlerin und Netzwerkerin, die gesellschaftspolitische Fragen in die Kunst bringt. Ihre Ausstellung “…und weg? Was trägst du?” machte die Vielschichtigkeit unserer Kleidung sichtbar und greifbar. Für sie ist Kleidung ein Mittel der Identität, das Sicherheit geben und eine klare Aussage transportieren kann. Ihre Kraft und positive Haltung zur Veränderung habe ich in verschiedenen Gesprächen zwischendurch erlebt – beispielsweise als wir gemeinsam im Upcycling-Workshop Banner für die Demonstration nähten und sie mir erzählte, was für einen Wert das Nähen für sie hat und welch lange Verbindung sie bereits mit diesem Handwerk pflegt.

Susanne Dranaz (Guerilla Fashion Kampagne) ist Klimaaktivistin aus München und schlägt mit ihren Aktionen der „Guerilla Fashion Kampagne” die Brücke zwischen Klimabewegung und Textilindustrie. Für sie ist Aktivismus am wirkungsvollsten, wenn er an unerwarteten Orten wie Museen andocken kann und neue Querverbindungen schafft. Bei der Demonstration in der Würzburger Innenstadt erlebte ich sie in Aktion, als sie mit ihrem Megafon die Themen Fast Fashion und Antifaschismus verband – denn für sie ist die Ausbeutung von Menschen und Umwelt eng mit repressiven antidemokratischen Systemen verknüpft.

Claudia Greifenhahn (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen, ENS) ist neben anderen beruflichen Tätigkeiten unter anderem im ENS aktiv, aber auch bei den „Omas gegen Rechts”. Für sie ist das Gespräch das wichtigste Instrument des Aktivismus. Dass junge Menschen immer mehr kritisches Konsumverhalten und Interesse daran haben, die tatsächliche Komplexität unserer Welt und die globalen Verflechtungen hinter Produkten zu verstehen, gibt ihr besonders viel Mut. Für mich spiegelt sich das auch im direkten Dialog mit ihr wider. Sie strahlt eine Energie aus, die zeigt, wie wirkungsvoll transgenerationaler Aktivismus sein kann. (Für mich außerdem ein kleiner Fanmoment, denn wie viele andere bewundere ich das Engagement der “Omas gegen Rechts” schon lange.)

Zwischen Identität und Ausbeutung

In den Interviews mit den drei Frauen wurde deutlich, dass Textilien für uns alle weit mehr sind als bloßer Stoff. Auf der einen Seite steht die tiefe persönliche Ebene: Kleidung schenkt Wärme und Geborgenheit, sie ist ein Ausdruck unserer Identität und ermöglicht es uns, Schönheit und den eigenen Stil nach außen zu tragen. In unseren Diskussionen wurde gleichzeitig deutlich, dass Kleidung symbolisch für eine „toxische Industrie” steht, die von Überproduktion, Müllbergen und der systematischen Missachtung von Menschenrechten lebt. In Würzburg wurde mir dabei anhand der verschiedenen Perspektiven der Frauen bewusst, dass die einzelnen Probleme der Modebranche nicht isoliert betrachtet werden können. Die Ausbeutung von Mensch und Natur ist untrennbar mit Fragen der globalen Gerechtigkeit und dem Erhalt der Demokratie verwoben.

Diese Erkenntnis verändert meinen Blick auf meinen Kleiderschrank und meinen eigenen Alltag. Ich achte beispielsweise mehr darauf, welche Kleidung Personen des öffentlichen Lebens auf Social Media oder bei Veranstaltungen tragen und frage mich, wie diese produziert wurden. Jedes Kleidungsstück, das ich morgens anziehe oder mir auf Social Media präsentiert wird, verknüpft meinen Alltag direkt mit dem Schicksal der Näher*innen weltweit und fordert mich heraus, eine globale Verantwortung zu übernehmen. Es geht nicht mehr nur um „Mode”, sondern darum, wie wir durch unseren Zusammenschluss Einfluss auf ein komplexes weltweites System nehmen können.

Hoffnung entsteht im gemeinsamen Handeln

Was nehme ich von diesem Wochenende mit? Vor allem zwei Dinge: Hoffnung und Mut. Hoffnung entsteht für mich genau dort, wo wir unsere Kräfte bündeln. Veränderung ist kein abstraktes theoretisches Konzept mehr, sondern ich habe sie ganz real in Begegnungen, Gesprächen oder gemeinsamen Aktionen in der Würzburger Innenstadt erlebt und mitgestaltet.

Susanne schöpft diese Hoffnung besonders daraus, sich immer wieder an vergangene Erfolge der Bewegung zu erinnern. Für Barbara sind es vor allem die jungen Frauen und die Möglichkeit, Erfahrungen weiterzugeben, die dann die gemeinsame Zukunft entwickeln. Auch wenn die gesellschaftlichen Herausforderungen und politischen Rückschritte auf mich oft belastend wirken, möchte ich meinen Blick nach vorne richten.

Claudia Greifenhahn fasste diese Zuversicht am Ende unseres Gesprächs mit einem Zitat aus Johann Wolfgang von Goethes “Faust I” (Osterspaziergang) zusammen, welches die aktuelle Situation treffend beschreibt:

„Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in raue Berge zurück. Von dort her sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises”

Das Zitat ist für mich eine Erinnerung daran, das gesellschaftliche Rückschritte („der alte Winter”) zwar laut aber letztendlich „ohnmächtig” gegenüber dem Fortschritt sind. Die kontinuierliche Arbeit dieses Netzwerks kann viel tiefer greifen und sich trotz dieser „Schauer” nachhaltig durchsetzen. Das Wochenende in Würzburg hat mir gezeigt, dass das Gute und Vorwärtsgewandte bereits überall präsent ist, ich nur genauer hinschauen muss.

Aktionstreffen 2026: Kleiner Rückblick in Bildern

Beitragsbild: © Südwind-Institut, Kampagne für Saubere Kleidung, Barbara Otto, privat
Logo der Europäischen Union auf schwarzem Hintergrund. Danaben Text: "Kofinanziert von der Europäischen Union"
Aktionstreffen

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