Die Schwächsten zahlen die Corona-Zeche – Unzählige Textilarbeiter*innen stehen vor dem Nichts

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Adidas und weitere Konzerne wie Deichmann, Puma und H&M haben sich in der Corona-Krise als Opfer dargestellt und wollten keine Ladenmieten mehr zahlen. Dies ist ein klarer Missbrauch einer gesetzlichen Regelung, die Mieter vor dem Knockout schützen sollte, aber nicht für Unternehmen gedacht war, die regelmäßig Milliardengewinne machen. Erst ein öffentlicher Proteststurm gegen diesen Zynismus zwang Adidas zu einer Kehrtwende und zu einer Entschuldigung.
Die wahren Opfer der Corona-Pandemie in der globalen Textilindustrie sind die Arbeiter*innen, die solche Gewinne erwirtschaften. Die prekären Arbeitsbedingungen in diesem Bereich sind seit Jahrzehnten bekannt. Neben oft mangelnder Arbeitssicherheit, exzessiven Überstunden und Unterdrückung gewerkschaftlicher Aktivitäten sind es vor allem die Löhne, die gezahlt werden. In der Regel sind es Hungerlöhne.

Dazu kommt, dass es in den Produktionsländern oft keine ausreichenden sozialen Sicherungssysteme gibt, die Arbeiter*innen in Krisensituationen zumindest ein erträgliches Überleben sichern. Dies zeigt sich in der Corona-Krise überdeutlich. Die Kampagne für Saubere Kleidung hat konkrete Beispiele zur aktuellen Situation recherchiert:

Bangladesch: Tausende Unternehmen, darunter mehr als 120 große Markenunternehmen kündigten bestehende Verträge mit Zulieferern in verschiedenen Produktionsphasen – manchmal wurden fertige Produkte, die im Hafen lagen, zurückgewiesen. Der Gesamtwert dieser Aufträge liegt bei rund 3,7 Milliarden US-Dollar.

Eine überwältigende Mehrheit der Unternehmen verlangt zudem massive Rabatte für bereits produzierte Produkte oder verzögert die Zahlungen um sechs Monate bis zu einem Jahr oder noch schlimmer, auf unbestimmte Zeit. Zu den Markenunternehmen, die das höchste Auftragsvolumen storniert oder verschoben haben, zählen u.a. Primark, H&M und C&A. Deutschland nimmt gemeinsam mit Schweden mit betroffenen Aufträgen in Höhe von 100 Millionen US-Dollar einen traurigen zweiten Platz ein.

Aus Indien berichtet ein Großteil der Exporteure, dass Aufträge ganz oder teilweise storniert worden seien. Oft übernähmen Käufer keine Verantwortung bzw. Bezahlung für bereits gekaufte Materialien oder fragten nach Rabatten für bereits versandte Waren. Dies führt direkt dazu, dass Löhne nicht gezahlt werden.

Zugleich plant die Regierung Arbeitsrechte massiv zu beschneiden, indem Arbeitsgesetze ausgesetzt werden. Diese würden die Arbeitszeiten von acht auf zwölf Stunden verlängern sowie Mindestlöhne und die Gründung von Gewerkschaften für bis zu drei Jahre aussetzen. Landesweit protestieren Gewerkschaften dagegen.

Allgemein gilt: Von den weltweiten sozialen und wirtschaftlichen Schockwellen der Covid-19-Pandemie sind die Arbeiter*innen in der globalen Textilindustrie gleich mehrfach betroffen:

Mit dem ersten Lockdown in China kam es in vielen Fabriken zu Engpässen bei den Rohstofflieferungen und viele Arbeiter*innen wurden nach Hause geschickt, oft ohne Lohn.
Als die Pandemie Europa erreichte, begannen einige Modemarken und Einzelhändler ihre Bestellungen zu stornieren, häufig ohne für bereits produzierte Waren zu bezahlen. Laut McKinsey haben sogar über die Hälfte aller Unternehmen die Lieferbedingungen erneut verhandelt, z.B. Preisnachlässe verlangt. Fabriken ohne finanzielle Reserven mussten aufgrund der Auftragsrückgänge und der geringeren Einnahmen schließen. Weitere Arbeiter*innen verloren ihre Jobs oder wurden vorübergehend ohne Einkommen nach Hause geschickt.

Als die Covid-19-Pandemie sich schließlich auch in den Produktionsländern auszubreiten begann, wurden, um die Pandemie einzudämmen, vorübergehend Fabriken geschlossen. Erneut wurden Arbeiter*innen oft ohne Bezahlung und sichere Transportmöglichkeiten nach Hause geschickt.
In Fabriken, die weiterhin produzieren oder nun die Produktion wieder aufnehmen, reichen die Vorsorge- und Gesundheitsmaßnahmen meist nicht aus. Arbeiter*innen riskieren ihre Gesundheit und schlimmstenfalls ihr Leben.

Je schlechter die Arbeitsbedingungen sind, umso schlechter ist auch meist die Wohnsituation. Wanderarbeiter*innen leben z.B. oft auf engstem Raum in Gemeinschaftsunterkünften ohne ausreichende sanitäre Einrichtungen. Frauen sind zusätzlich Mehrfachbelastungen und Risiken ausgesetzt, da Haushalts-, Betreuungs- und Pflegearbeiten in vielen Haushalten auf Frauen abgewälzt werden.

Besonders bedroht sind auch jene, die jetzt für ihre Rechte eintreten oder Kolleg*innen unterstützen. Leider werden die Pandemie und die mit ihr verbundenen Maßnahmen als Vorwand missbraucht, um Menschen zu diskriminieren und um gewerkschaftliche Rechte und Freiheiten einzuschränken, indem z.B. gewerkschaftlich organisierte Arbeiter*innen als Erste entlassen werden.

Die Kampagne für Saubere Kleidung appelliert an die Modefirmen, jetzt Verantwortung für die Textilarbeiter*innen zu übernehmen und die Beschäftigten in ihren Lieferketten vor Arbeitsplatzverlust, Krankheit und Tod zu schützen.

Hier kann der Appell online unterstützt werden.

Veröffentlicht in: Westfalen • Welt • Weit 2020 –  Nachrichten aus Mission, Ökumene und kirchlicher Weltverantwortung

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