Der Schuh- und Ledersektor in der Türkei – ein Gewinner der Pandemie?

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Von Jiska Gojowczyk

Der Leder- und Schuhsektor der Türkei könnte zu den mittelfristigen „Gewinnern“ der Covid-19-Pandemie gehören. Gerade erst erklärte der Präsident des Verbandes der Schuhindustrie der Türkei (TASD), bereits 2020 hätte die Pandemie zu positiven Renditen für den türkischen Sektor geführt. Schon vor 2020 gehörte Deutschland zu den wichtigsten Abnahmeländern von türkischen Schuhen, Lederwaren und Leder (siehe Akay/Gojowczyk 2021). „Nicht zuletzt wegen der niedrigeren Lohnkosten [ließen auch] große deutsche Bekleidungsunternehmen wie Esprit, Hugo Boss und Adidas Konfektionsartikel in der Türkei fertigen“ (GTAI 2021).

Mittelstand in Deutschland, bewege dich.

Im Zuge der Covid-19-Pandemie prüfen seit letztem Jahr viele Unternehmen ihre Lieferketten bezüglich Strategien wie Diversifizierung und Regionalisierung (siehe Gojowczyk 2020). Eine Unternehmensumfrage des ifo-Instituts ergab, dass fast 14 % des deutschen Mittelstands überlegen, verstärkt aus dem Inland und/oder EU-Staaten und anliegenden Regionen (wie der Türkei oder nordafrikanischen Staaten) einzukaufen. Etwas weiter gefasst geht es hierbei um die „EMEA“-Region, also Europa, Mittleren Osten und Afrika. Für einige dieser Länder wird immer wieder behauptet, soziale und ökologische Standards in der Produktion wären dort leichter zu erreichen als in zentralen Produktionsregionen etwa in Indien, China oder Südostasien.

Das wäre eine gute Nachricht für den deutschen Mittelstand, dem eine Untersuchung der DZ Bank gerade bestätigte, Nachhaltigkeitsaspekte beim Lieferkettenmanagement nicht ausreichend zu beachten. Dieses Defizit wirkt sich umso verheerender für den Mittelstand aus, da Gesetzgebungen angefangen mit dem deutschen Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten in Lieferketten zunehmend fordern, die eigenen Lieferketten hinsichtlich menschenrechtlicher Risiken zu prüfen, Maßnahmen zu definieren, diese bezüglich ihrer Wirkung zu überprüfen usw. (zu Schritten menschenrechtlicher Sorgfalt, siehe z. B. Global Compact 2019). Es drohen für große Unternehmen künftig Bußgelder, aber auch Ausschlüsse von öffentlichen Vergabeverfahren. Weitere Regeln in anderen Staaten, auf Ebene der EU und möglicherweise auch international (mit einem UN-Vertrag für Wirtschaft und Menschenrechte) werden folgen.

Fein raus Dank der Produktion in der Türkei?

Auch in Deutschland tätige Leder- und Schuhunternehmen könnten erwägen, noch stärker in der Türkei einzukaufen. Dafür spricht einiges: Unter den Ländern mit der umfangreichsten Schuhproduktion weltweit hat die Türkei schon einen der niedrigsten durchschnittlichen Stückpreise. 2020 lag er bei einem Fünftel des Preises eines Schuhs aus Bangladesch (APICCAPS, World Footwear Yearbook Daten 2014-2020). Wegen der Zollunion zwischen der Türkei und der EU können Waren darüber hinaus zollfrei importiert werden. Große Industrieanlagen ermöglichen eine zuverlässige Produktion. Wichtige Industrieverbände sind bestrebt, die internationale Integration des türkischen Sektors voranzutreiben.

Allerdings fließen in derartige Überlegungen oder betriebswirtschaftliche SWOT-Analysen (wie z. B. durch GTAI 2021) wichtige menschenrechtliche Risiken nach wie vor nicht ein. Kaum bekannt sind die Arbeitsbedingungen im großen informellen Sektor der Türkei. Und das, obwohl in den letzten Jahren einige Berichte skizzierten, dass in der Türkei soziale Standards beispielsweise im Schuhsektor nicht immer eingehalten werden (so z. B. in Bezug auf Kinderarbeit, UNICEF 2019). Die Beziehungen zwischen informellem und formalem Sektor sind unklar und Daten und Informationen über den informellen Sektor überwiegend nicht existent. Es ist naheliegend, wenn auch sehr schwer nachzuweisen, dass besonders in Zeiten großen Produktionsdrucks Ware von kleinen an große herstellende Betriebe verkauft und damit vom informellen in den formalen Sektor überführt wird.

Unsere jüngste Studie

Bisher fehlten spezifische Einblicke zur Situation im informellen Ledersektor, beispielsweise beim Gerben oder der Herstellung von Accessoires wie Gürteln oder Taschen. SÜDWINDs neueste Erhebung, die von der Partnerorganisation Support to Life durchgeführt und durch die Heinrich-Böll-Stiftung Türkei finanziert wurde, gibt einen solchen Einblick. Besondere Beachtung findet darin die Situation der vielen syrischen Geflüchteten in der Türkei sowie von Eltern arbeitender Kinder. Auch Betreiber kleiner Betriebe kommen zu Wort.

Die Ergebnisse, die unter anderem auf 35 Interviews von Arbeiter*innen, Kleinunternehmer*innen und Expert*innen beruhen, zeigen diverse Problemfelder auf:

  • Der Lohn der Arbeiter*innen reicht kaum zum Überleben. Viele der Arbeitenden sind Geflüchtete aus Syrien. Ihre finanzielle Situation ist so prekär, dass sie bereit sind, auch für einen ungenügenden Lohn und zu miserablen Bedingungen zu arbeiten.
  • Fast keine*r der Befragten hat einen Arbeitsvertrag.
  • Die Arbeitszeit beträgt für Erwachsene oft zehn Stunden täglich mit nur einer Pause.
  • Es werden kaum Sicherheitsvorkehrungen getroffen, obwohl die Menschen mit Maschinen, Chemikalien und stinkendem Kleber arbeiten. Die Arbeitsplätze sind oft laut; es gibt keine Heizungs- oder Lüftungssysteme. Schutzausrüstung und Trainings zu sicherem Arbeiten fehlen.
  • Gewerkschaftliche Organisation gibt es in diesem informellen Sektor kaum. Den meisten Befragten sind wichtige Normen und internationale Arbeitsrechte unbekannt, z.B. in Bezug auf Überstunden, Feiertage und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
  • Syrische und türkische Eltern berichten, dass ihre Kinder arbeiten, um etwas zum Haushaltseinkommen beizutragen.

Die Studie zeigt auch, dass allein an die unmittelbaren Arbeitgeber*innen in der Türkei gerichtete Forderungen zu kurz greifen. Diese arbeiten oft Seite an Seite mit ihren Angestellten und verdienen mit ihrer Arbeit kaum mehr als das, was sie als Lohn auszahlen. Für alle Beteiligten ist die Situation belastend. Gleichzeitig sind die Missstände so weit verbreitet, dass sie bei den Betroffenen als .

Sorgfaltspflicht auch bei Produktion in der Türkei

In seiner Darstellung wirbt der Präsident des türkischen Schuhverbands mit Nachhaltigkeitsbestrebungen in der Türkei. Das entspricht der verbreiteten Erzählung von ‚nachhaltiger Innovation‘ in der Industrie, die Nachhaltigkeit primär ökologisch interpretiert. Doch der Sektor sollte endlich zu der Erkenntnis gelangen, dass Nachhaltigkeit mehr bedeutet als CO2-Bilanzen und Weiterentwicklungen von Gerbverfahren (auch wenn beide Bereiche wichtig sind). Es ist gut, dass Brancheninitiativen wie die Leather Working Group oder die Sustainable Leather Foundation endlich beginnen, soziale Aspekte zu berücksichtigen – schon lange hatte SÜDWIND dieses Defizit kritisiert.

Im Frühjahr 2020 hatte ich argumentiert, dass im Schuhsektor viel zu wenig der Frage nachgegangen wird, wie Veränderungen der eigenen Geschäftspraktiken die Widerstandsfähigkeit von Handelspartner*innen im Ausland gegenüber Erschütterungen wie der Covid-19-Pandemie stärken können. Ich hatte gefordert, dass Unternehmen die eigenen Lieferketten mit den richtigen Fragen überprüfen müssen (siehe z.B. auch ETI/ILO 2017 für eine Übersicht). Diese Forderung bleibt aktuell. Die vorliegende Studie zum Ledersektor in der Türkei legt unter anderem diese Fragen nahe:

  • In welchen Situationen vergeben meine Partner*innen (Unter-)Aufträge an kleine Unternehmen in der Türkei? Inwiefern befördern die eigenen Geschäftspraktiken Auslagerungen von Teilen der Produktion in den informellen Sektor? Welche Arbeitsbedingungen herrschen in diesem Sektor?
  • Erlaubt die existierende Geschäftsbeziehung den Auftragnehmer*innen zuverlässige Personalplanung?
  • Wie werden Preise bestimmt und sind sie nachhaltig und angemessen?
  • Wie sind die ersten Stufen der Wertschöpfungsketten gestaltet?
  • Welche Löhne werden in den verschiedenen Stufen und Produktionsstandorten gezahlt? Erfüllen diese die nationalen Vorgaben? Reichen sie zur Existenzsicherung aus?

Unsere jüngste Studie zeigt, dass bei der Beschaffung aus der Türkei menschenrechtliche Risiken bestehen, die adressiert werden müssen (wie bei den meisten wichtigen Produktionsländern des Schuh- und Ledersektor). Wenn der deutsche Mittelstand des Schuh- und Ledersektors beginnt, nicht nur Anforderungen an Geschäftspartner*innen zu stellen, sondern eigene Geschäfts- und Einkaufspraktiken in den Blick zu nehmen, könnte auch der Sektor in der Türkei tatsächlich zu den „Gewinnerinnen“ gezählt werden: eines gerechteren, besseren Ledersektors nach der Pandemie. Das wäre im Interesse der Arbeiter*innen genauso wie großer und kleiner Unternehmen in der Türkei.

Zum englischsprachigen Bericht (pdf, 10 MB)

Zum deutschsprachigen Factsheet (pdf, 1,6 MB)

Zur Pressemitteilung

 

Beitragsbild: Support to Life 2021
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