Was Corona, Handelskriege und Einkaufspraktiken deutscher Unternehmen mit Arbeitsverletzungen zu tun haben

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Zu einem sozialverantwortlichen Krisen- und Risikomanagement

Über die neue Atemwegserkrankung Corona wird aktuell ausgiebig berichtet: Dokumentiert werden dramatische Verläufe und unmittelbare Fragen der Gesundheitsvorsorge und -versorgung in der chinesischen, deutschen und nun verstärkt auch italienischen Bevölkerung. Je länger die Ausnahmesituation andauert, desto mehr rücken auch die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen in den Blick. Auf die Schwächsten in den betroffenen Wertschöpfungsketten wird dabei jedoch am wenigsten geschaut.


Autorin: Jiska Gojowczyk, SÜDWIND Institut. Dieser wurde auf suedwind-institut.blogspot.com veröffentlicht.


Um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen, hat die chinesische Regierung eine Vielzahl von Maßnahmen ergriffen. Innerhalb weniger Tage wurden Krankenhäuser gebaut, aber auch umfangreiche Ausgangssperren verhängt und Fernstraßen und öffentlicher Nahverkehr geschlossen. Wegen der Ausnahmesituation fallen in den Wertschöpfungsketten vieler Sektoren – beispielsweise in der Textil-, Schuh-, Auto-, IT- und Spielzeugbranche – wichtige Produktionsstandorte aus. Umsätze international agierender Unternehmen werden sowohl durch Engpässe in der Produktion als auch durch weniger Konsum in China negativ beeinflusst. Sowohl bei branchenspezifischen Plattformen (z.B. SchuhkurierTextilwirtschaft) wie auch in lokalen und überregionalen Medien und dem Boulevard, wird umfangreich über Produktions- und Lieferengpässe, gesunkene Börsenkurse und Messe-Absagen berichtet und spekuliert. Diejenigen, die die Situation vermutlich am härtesten trifft – die Arbeiter*innen in China und andernorts –, stehen allerdings nur selten im Fokus der Aufmerksamkeit. Dabei ist die Lage eine besondere Herausforderung für unternehmerische Sorgfaltspflicht.

Handelspolitischer Kontext

Die Krise trifft alle Akteure inmitten einer sowieso schon doppelt angespannten Situation. Erstens hatte der Handelsstreit zwischen China und den USA schon zuvor zu höheren Zöllen und damit zu größerem Preisdruck und/oder Produktionsverlagerungen von China in andere Niedriglohnländer geführt. So fiel in der Schuhbranche der chinesische Export in die USA beispielsweise 2019 im Wert um knapp 12 % im Vergleich zum Vorjahr, mit einer Differenz von 1,62 Milliarden Dollar. Auch wenn sich die Handelsbeziehungen in den letzten Monaten etwas entspannt haben, sind die Auswirkungen in China und in anderen Produktionsländern noch spürbar.
Zweitens standen Zuliefernde weltweit schon vor Corona und Handelskrieg unter einem enormen Produktionsdruck. Dieser liegt nicht zuletzt begründet im Machtungleichgewicht zwischen großen global einkaufenden Unternehmen einerseits und lokal produzierenden, kleineren Zulieferern anderseits (vgl. Anner 2019). Dieses Ungleichgewicht ermöglicht niedrige Einkaufspreise trotz steigender Produktionskosten, kurzer Lieferzeiten und anderer für die Zulieferer ungünstige Praktiken durch die Einkäufer (zum Beispiel Änderungen der Bestellung inmitten der Produktion oder saisonal stark variierende Auftragsvolumina).

In diesem Zusammenhang war die Begegnung mit einem regionalen indischen Regierungsvertreter für mich eindrücklich: Bei einer Projektreise im Januar 2020 zu indischen Partner*innen, mit denen SÜDWIND zu den Arbeitsbedingungen im Schuh- und Ledersektor zusammenarbeitet, fragte er, warum wir uns so für die Mechanismen interessierten, mit denen die indische Regierung versucht, die Einhaltung von Arbeitsrechten in indischen Gerbereien und Fabriken sicherzustellen. Es seien doch gerade die ausländischen großen Unternehmen, welche den Preisdruck auf zuliefernde Betriebe herstellten und welche aktuell mit ihren Aufträgen in billiger produzierende Länder wie Bangladesch abwanderten.

Es ist bekannt und jüngst auch in einer Studie von Anner (2019) zur Textilindustrie in Indien eindrucksvoll belegt, dass dieser Druck auf Zuliefernden von diesen an die Arbeitnehmer*innen weitergegeben wird. Zunehmender Zeitdruck wird beispielsweise übersetzt in Überstunden und Kürzungen von Pausen, die schon vorher oft unzureichend sind. Steigendem Preisdruck begegnen die Zulieferbetriebe unter anderem mit schlechteren Löhnen, mangelhaftem Arbeitsschutz und vermutlich auch mit weniger Investitionen in die Fabrikinfrastruktur einschließlich Sanitäranlagen und ähnlichen, kostensenkenden Maßnahmen. Auch Unsicherheit von Aufträgen geht mit zunehmend unsichereren, prekären Beschäftigungsverhältnissen einher.

Die Folgen der Epidemie für globale Lieferketten

Während vielerorts in China die Produktion langsam wiederaufgenommen wird, bedroht der bisherige Ausfall besonders kleine und mittelständische Betriebe in China substantiell. Viele Regionalregierungen unterstützen kleine und mittelständische Unternehmen mit Formaten wie einer dreimonatigen „Gnadenzeit“, in der beispielsweise Renten- und Sozialversicherungsausgaben für Arbeitnehmer*innen oder Steuerzahlungen ausgesetzt werden dürfen. Wie effektiv diese Maßnahmen in Anbetracht der massiven Einbußen sind, bleibt jedoch abzuwarten. Da auch für Produktionen außerhalb Chinas die Beschaffung von Rohmaterialien schwieriger wird und Lagerbestände sinken, sind viele Firmen – beispielsweise im Textilsektor in Myanmar – in Schwierigkeiten und Arbeiter*innen verlieren möglicherweise existentiell wichtiges Einkommen.

Gleichzeitig ist für die kommenden Wochen und Monate mit einem immensen Produktionsdruck zu rechnen, da Firmen wie internationale Textilmarken und Schuhunternehmen „kurzfristig alles tun [werden], um den Schaden zu minimieren“, wie beispielsweise Puma-CEO Bjorn Gulden jüngst mitteilte. Wenn das bedeutet, dass Zulieferer in China und in Ausweichproduktionsstätten in Ländern wie Bangladesch, Kambodscha, Vietnam oder Indien in (noch) kürzerer Zeit mehr produzieren müssen, ist es naheliegend, dass diese mit dem Druck so umgehen wie bisher: indem sie ihn soweit möglich an die Arbeiter*innen weitergeben durch übermäßige Überstunden und unmenschliche Arbeitsbelastung, repressive Personalführung, u.a. (s.o.).

Die europäischen Unternehmen der betroffenen Branchen müssen dafür Sorge tragen, dass die großen Herausforderungen, die aus der Gesamtsituation resultieren, nicht auf den Schultern der Schwächsten ausgetragen werden. Das zu tun, schließt aus, sich allein darauf zu verlassen, bei einem Reise-nach-Jerusalem ähnlichen Spiel noch einen verfügbaren Zulieferer und verfügbare Zwischenprodukte zu ergattern.

Einige Unternehmen haben auf den Corona-Virus reagiert, indem sie Schutzmasken in den Fabriken aushändigten oder Standorte von Schuh- auf Schutzmaskenproduktion umstellten. Noch immer ist die chinesische Bevölkerung nicht ausreichend damit versorgt. Wichtig ist dabei, dass die Angestellten die Masken auch außerhalb der Produktionsstätte nutzen dürfen, da viele für die Arbeit lange Pendelzeiten in Kauf nehmen und dabei besonders gefährdet sind, andere und sich anzustecken.

Krisenmanagement mit Sorgfaltspflichten

Im Zuge der Krise empfehlen Unternehmensberater*innen nun den global agierenden Firmen, ihr Risikomanagement zu prüfen, z.B. „[k]ritische Materialien und somit Lieferanten [zu] identifizieren, Transparenz in der Lieferkette [zu] schaffen, Szenario-basierte Krisenstrategien [zu] erarbeiten und strategische Lieferantenpartnerschaften darauf basierend auf[zu]bauen“, wie die Unternehmensberaterin Alla Schwamborn bei Fashion United zitiert wird. Auch dass sich Unternehmen Lagersicherheitsbestände anlegen, wird in diesem Zusammenhang diskutiert. Solche Überlegungen zum Krisen- und Risikomanagement müssen auch unternehmerische Sorgfaltspflichten zur Einhaltung von Menschenrechten bei der Arbeit berücksichtigen. Bei einigen Maßnahmen gibt es dabei von vornherein Überschneidungen, andere erfordern mehr Engagement.

Für Risiko- und Krisenmanagement wie für die Einhaltung von Sorgfaltspflichten ist es unerlässlich, dass Lieferketten nachvollziehbar und transparent sind. Zuliefererbetriebe werden bewusst ausgewählt. Wenn die Zusammenarbeit mit Abnehmer*innen über einen langen Zeitraum zuverlässig ist, erleichtert das Zulieferern, auch mit ihren Arbeitnehmer*innen konstante Vertragsbeziehungen einzugehen. Eine intensive und problemorientierte Kommunikation zwischen großen Unternehmen und Zulieferern hilft darüber hinaus in vielen Fällen, Schwierigkeiten in der Produktion möglichst früh zu erkennen und besser zu adressieren, als die Last auf den Schultern der Angestellten abzuladen. Sinnvoll gestaltete Lagerbestände können schließlich dazu führen, dass Druck auf Zulieferer durch künstlich erzeugte Stoßzeiten für die Produktion reduziert wird. Was ein sozialverantwortliches Krisen- und Risikomanagement sicher nicht bedeutet, ist, die Aufträge schlicht zu verlagern, wenn es schwierig wird. Die humanitäre Krise durch den Corona-Virus befreit nicht von unternehmerischen Sorgfaltspflichten, sondern diese sind umso nötiger zu beachten.

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