Corona-Pandemie: Warum wir jetzt ein Lieferkettengesetz brauchen

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Mit der Corona-Krise ist auch das Wort „Lieferkette“ in aller Munde. Es geht um Störungen, neue Lieferländer, um die Verlagerung der Produktion zurück nach Europa – aber viel zu selten geht es um die Verantwortung der Unternehmen gegenüber ihren Arbeiter*innen in der globalen Lieferkette. Die INKOTA-Mitarbeitenden Berndt Hinzmann und Anne Neumann waren im Februar in Indien und haben sich ein Bild von der dortigen Schuhindustrie gemacht. In diesem Text erklären sie, warum menschenrechtliche Verantwortung in Lieferketten immer und gerade auch in Wirtschaftskrisen so wichtig ist.

Arbeiter*innen aus Gerbereien und Schuhfabriken berichteten uns von ihrem größten Problem: Sie haben häufig gar keinen Nachweis darüber, dass sie in der Fabrik arbeiten, in die sie täglich gehen. Zwar sitzen sie jeden Morgen pünktlich an ihrem Platz, falten Leder, nähen Schuhschäfte, verpacken fertige Schuhe. Doch ein Arbeitsvertrag, Lohnzettel oder wenigstens Fabrikausweis? Fehlanzeige!

Sie sind jederzeit von willkürlicher Entlassung bedroht. Das zeigt sich auch jetzt in der durch die Corona-Pandemie einsetzenden Wirtschaftskrise: Käufer aus Ländern wie Deutschland, Italien, den USA aber auch China stornieren ihre Aufträge und wollen, dass die Auslieferung bereits fertiger Waren zurückgehalten wird. Es ist auch ein Spekulieren mit dem Preisverfall aufgrund der schlechten Marktstimmung.

Die Produktion wird außerdem insgesamt runtergefahren, da für das Gerben wichtige Chemikalien wie Natriumsulfid aus China fehlen. Die zahlreichen Tagelöhner*innen der Gerbereien haben somit kein Einkommen. Schon vor der Krise lebten deren Familien an der Existenzgrenze, an Ersparnisse für schlechte Zeiten war nicht zu denken. Jetzt fallen sie ins Bodenlose.

Heimarbeiterinnen warten vergeblich auf Zwischenhändler

Von der Krise sind auch die angrenzenden informellen Bereiche drastisch betroffen: Die Heimarbeit – die überwiegend von Frauen erledigt wird – ist von den Hochs und Tiefs der Auftragslage extrem beeinflusst. In guten Zeiten, wenn die Fabrik viel Arbeit hat, bekommen sie Schuhteile nach Hause geliefert. Sie nähen von Hand, je nach Aufwand zwei bis drei Paar Schuhe in der Stunde und verdienen gerade einmal bis zu acht Eurocent pro Schuh. Je nachdem, wie gut die Augen im schummrigen Licht sehen und die Gelenke mitmachen, fällt dann entsprechend der Tageslohn aus. Die Arbeit wird über Zwischenhändler organisiert: Sie bringen die Schuhteile, holen die fertigen Paare, zahlen den Stücklohn des jeweiligen Tages. Die Frauen und die Besitzer der Fabriken kennen sich allerdings nicht. Jetzt in der Wirtschaftskrise kommen die Zwischenhändler einfach nicht mehr. Die Frauen werden ihrem Schicksal überlassen. Ansprüche auf Arbeit und Lohn haben sie nicht. Und sie haben keine Absicherung, wenn die Arbeit ausbleibt.

Kündigungsfristen, Arbeitslosenunterstützung, Anspruch auf die Zahlung ausstehender Löhne aus dem Vermögen und Konkurs eines Unternehmens – prinzipiell gibt es all das auch in Indien. Aber wie soll irgendwer diese Rechte durchsetzen, wenn das Grundlegendste fehlt: der Nachweis für das Arbeitsverhältnis. Wie einen Nachweis bekommen, wenn Gewerkschaften fehlen, die den Arbeiter*innen den Rücken gegenüber dem Unternehmen oder Gerichten stärken ? Wie Recht bekommen: Wenn Gewerkschaften in der Fabrik nicht aktiv sein dürfen? Wenn noch nicht einmal gestattet wird, mit den eigenen Kolleg*innen zu sprechen?

Und dennoch: Die Frauen und Männer, die in den Schuhfabriken Indiens arbeiten, sind so stolz auf ihren Beruf. Mit ihrer Kraft und ihrem Einsatz wird aus Tierhäuten Leder. Mit ihrem Geschick und ihrer Ausdauer wird aus Einzelteilen ein Mokassin. Die Heimarbeiterinnen tragen wesentlich zum Familieneinkommen bei und sorgen so dafür, dass ihre Kinder einmal eine bessere Zukunft haben.

Deutsche Schuhunternehmen: Wo bleibt die Hilfe für Arbeiter*innen in Indien

Deutsche Schuhfirmen dürfen jetzt keine Unternehmensentscheidung treffen, ohne abzuwägen: Was bedeutet das für die Arbeiter*innen in meinen Zulieferbetrieben? Sie müssen ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nachkommen und zwar entlang der gesamten Lieferkette. Genau deshalb brauchen wir ein Lieferkettengesetz! So würde auch das Risiko für Arbeiter*innen im globalen Süden geringer, in der Krise leer auszugehen. Gerade wird von politischer Seiten viel über solidarisches Handel gesprochen, und dass wir nur gemeinsam die globale Pandemie besiegen können. Der Einzelhandel fordert finanzielle Hilfspakete. Doch wo bleibt die Hilfe für die Arbeiter*innen in Indien? Globale Verantwortung und Sorgfalt ist hier ebenso von den Handelshäusern gefragt, wie für die Beschäftigten in Deutschland.

Die Corona-Krise zeigt einmal mehr: Ein Lieferkettengesetz zum Schutz der Menschen und ihrer Rechte sowie der Umwelt bleibt weiterhin dringend notwendig!

Unterzeichnen Sie jetzt die Petition für ein Lieferkettengesetz

Spenden Sie für unsere indischen Partnerorganisationen

 

Beitragsbild: © INKOTA-netzwerk
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