Ein Fußballspieler kickt einen Ball auf grünem Rasen.

Fußball-EM 2024: Offener Brief an adidas

Offener Brief an adidas zu Nachhaltigkeitskriterien bei der Fußballeuropameisterschaft 2024

Hallo Bjørn Gulden, Hallo Jürgen Rank,

wir freuen uns auf das Jahr 2024, in dem die nachhaltigste Männer-Fußball Europameisterschaft aller Zeiten in Deutschland stattfinden soll. Viele Menschen engagieren sich bereits jetzt, um einen sozialökologischen Beitrag dafür zu leisten. Millionen Fußballfans fiebern einem Sportevent entgegen, bei dem Fairplay für alle erlebbar werden soll. Gemeinsam mit den Host Cities, der engagierten Zivilgesellschaft, Kulturschaffenden und den Fans wollen wir ein Zeichen für globale Gerechtigkeit und Klimaschutz in die Welt schicken.

Ganz nach dem adidas-Motto „Everything is possible“, glauben wir, dass ein global gerechtes und ökologisches Sport-Mega-Event möglich ist, aber für diese Vision müssen alle an einem Strang ziehen. Mit diesem Brief wollen wir Sie mit ins Boot holen. Helfen Sie mit, die Idee einer nachhaltigen EURO 2024 wahr werden zu lassen!

Die UEFA hat sich am 14.11.2023 in einer Menschenrechtserklärung zu den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte bekannt und verschreibt sich der Umsetzung des deutschen Lieferketten-Sorgfaltspflichtgesetzes. Auch adidas als Hauptsponsor sollte sich hier seiner Verantwortung bewusst sein und diese auch wahrnehmen. Wir möchten Sie bitten, darzustellen, wie Ihr Unternehmen die Konvention der UEFA – insbesondere mit Blick auf die menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette – einzuhalten plant.

Sorgen Sie dafür, dass Fairplay auch in Ihren globalisierten Lieferketten gilt

Sorgen Sie dafür, dass Fairplay auch in Ihren globalisierten Lieferketten gilt und die ILO-Arbeitsnormen überall eingehalten werden. Lassen Sie die Ausstattung, die adidas für die EM produzieren wird, von Schuhen über Bälle bis zu Trikots und der Kleidung für Volunteers unter fairen Bedingungen herstellen!

Fußballevents, die auf Kosten von Menschen ausgetragen werden, die die benötigten Produkte herstellen, hat die Welt in den letzten Jahren genug gesehen. Es darf nicht sein, dass Arbeiter*innen auch in Ihren Zulieferbetrieben wochenlang Überstunden leisten müssen, gesundheitliche Schäden durch mangelnden Arbeits- und Gesundheitsschutz erleiden, Hungerlöhne erhalten, unter zu hoher Arbeitslast arbeiten, weshalb Pausenzeiten oft nicht eingehalten werden, und ihre Jobs verlieren, sobald sie sich gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehren. Bitte kümmern Sie sich umgehend darum, dass mehr als nur ein Prozent des Trikotpreises bei den Textilarbeiter*innen ankommen und es keine Zwangsarbeit in der Trikotproduktion mehr gibt.

Effektive Beschwerdemechanismen, die in den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte vorgesehen sind, können dabei Abhilfe schaffen und Sorge tragen, dass Betroffene von Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen Beschwerden einreichen und ihre Rechte einfordern können. Zahlreichen Berichten der Multi-Stakeholder Initiative Fair Labor Association (FLA) zu adidas entnehmen wir, dass Arbeiter*innen in ihren Zulieferbetrieben die Möglichkeit, anonym, sicher und effektiv Beschwerden einzureichen, häufig fehlt (insbesondere in den Berichten vom 23.08.2022, 25.08.2022, 23.09.2022, 12.12.2022, 25.05.2023, 07.06.2023). Können Sie uns Auskunft darüber geben, mit welchen Maßnahmen Sie auf diese von der FLA beschriebenen Missstände reagieren?

Philippinen: Kinder sammeln Plastikmüll

Auch bei der Materialwahl fordern wir Sie auf, dass Sie umfassender auf Umwelt und Menschen achten. Bereits das letzte Nationaltrikot des deutschen Männer-Teams, das von Ihnen, Herr Rank, für die WM in Katar 2022 produziert wurde, sollte eigentlich für „Nachhaltigkeit“ stehen. Wir zitieren Sie:

adidas will mit diesem Trikot „helfen, die Welt besser zu machen“. Wenn Sie, wie bei den Trikots 2022, auf recyceltes Polyestergarn zurückgreifen, für das Menschen, darunter auch Kinder, auf den Philippinen unter erbärmlichen Bedingungen Plastikmüll sammeln*, zweifeln wir an Ihrem Beitrag für eine bessere Welt und an Ihrer Glaubwürdigkeit. Warum wird bei der Materialbeschaffung nicht genau hingesehen und wie wird eine solche Kinderarbeit in naher Zukunft vermieden?

Können Sie uns Auskunft darüber geben, ob Sie die Produkte für die EM mit recycelten Garnen von Far Eastern New Century herstellen lassen und Ihre Materialbeschaffung somit ausschließlich Standards von Recycling- Zertifikaten (Recycled Claim Standard oder Global Recycled Standard) unterliegt, jedoch keine Zertifizierung für Sozialstandards in der Materialbeschaffung zu tragen kommt? Wir bitten Sie, sich den Fragen ernsthaft zu stellen, denen Sie sich im Zuge des Lieferketten- Sorgfaltspflichtengesetzes ohnehin zukünftig annehmen müssen.

Mikroplastik aus adidas-Shirts

Auch die ökologischen Auswirkungen Ihrer Produkte müssen dringend überprüft werden. Wenn Sie wie in 2022 Trikots produzieren, die mit jedem Waschgang das Abwasser mit enormen Mengen Mikroplastik verunreinigen, stellt sich zusätzlich die Frage, wieso Ihnen dieser Mangel in der Produktprüfung nicht aufgefallen ist. Aus unserer Sicht sollte eine Lebenszyklusanalyse der Standard sein, wenn Sie ein Produkt als nachhaltig vermarkten und verkaufen wollen.

Neben Trikots gelten dieselben Fragen nach Umwelt- und Menschenrechtsauswirkungen ebenfalls für die Produktion der Volunteer Kleidung und der Fußbälle. Denn auch in der Baumwoll- und Ballproduktion sind Menschenrechtsverstöße an der Tagesordnung.

Durch den Austausch mit Unternehmer*innen wissen wir, dass es eine Mammutaufgabe ist, Lieferketten ab Tier-n, also insbesondere in den vorgelagerten Produktionsstufen, fair und nachhaltig zu gestalten. Wir appellieren an dieser Stelle an Sie, diese Aufgabe transparent und ehrlich als Prozess anzugehen. Kommunizieren Sie offen, an welchen Stellen noch mehr Nachhaltigkeitsbemühungen unternommen werden müssen oder die Einflussnahme für bessere Arbeitsbedingungen noch unzureichend ist.

Arbeiter*innenrechte und Nachhaltigkeit

Zur EM 2024 wünschen wir uns von Ihnen Maßnahmen, mit denen Sie uns zeigen, dass adidas sich ernsthaft auf den Weg macht, Arbeiter*innenrechte und Nachhaltigkeit im gesamten Produktionsprozess umzusetzen. Sicherlich können Sie Ihrem Motto „Everything is possible“ dabei noch nicht zu hundert Prozent gerecht werden. Aber wenn Sie dem Ziel rundum nachhaltig produzierter Sportartikel einen glaubhaften Schritt näher kommen, wäre schon viel gewonnen – für die Umwelt, die Näher*innen und alle Fußballbegeisterten, die Lust auf Fairplay haben. Nutzen Sie die riesige mediale Bühne der EM und zeigen Sie der Sportwelt, dass Sie Sportartikel auch transparent, durchdacht und nachhaltig produzieren können. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns in Ihrer Antwort berichten könnten:

Wie und wo werden die adidas-EM-Trikots für 2024 gefertigt und welche Nachhaltigkeitsbemühungen haben Sie in der Produktion unternommen?

Nehmen Sie bitte auch zu den oben genannten Fragen Stellung.

Wir freuen uns auf eine nachhaltige Fußball-EM und sind gespannt, wie Ihr Beitrag dazu aussehen wird.

Sportlich-faire Grüße
Sport handelt Fair

Kontakt: info@sporthandeltfair.com

 

Die im Brief formulierten Anliegen werden von 49 Institutionen/Organisationen/Vereinen/Initiativen/Kampagnen/Bündnissen unterstützt.

 

 

 

* In den letzten WM-Nationaltrikots von adidas findet sich der Hinweis „Made with Parley Ocean Plastic“. Parley for the Ocean ist eine Umweltorganisation, die in verschiedenen Ländern das Sammeln von Plastik organsiert und überwacht, um dieses dann zu Recyceln. Adidas warb damit, dass 50 % der Trikots aus diesem Ocean Plastik bestehen. Das stimmte jedoch nicht. Auf Nachfrage der Journalist*innen von Zeit und Flip gab adidas selbst an, das Plastik komme aus Thailand, wo die benannte Umweltorganisation überhaupt nicht tätig ist. Das recycelte Plastik kam also aus einer anderen Plastikmüll-Lieferkette, die adidas selber organisierte, davon jedoch in den Werbekampagnen nicht berichtete. Die Recherche zeigte, dass der Großteil des von adidas recycelten Plastiks aus der Dominikanischen Republik, Thailand und den Philippinen kam, Orte an denen der informelle Sektor viele Probleme bereitet und das Geschäft mit dem Plastikmüll zur unkontrollierten Boombranche für Kinderarbeit geworden ist.

 

Beitragsbild: © CC0
#PayYourWorkers, Adidas

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