Hartnäckigkeit trägt Früchte: Rumänische Näherinnen erhalten den ihnen während Corona vorenthaltenen Lohn

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Rumänische Textilarbeiterinnen erhielten während des Lockdowns nur 140 EUR im Monat und produzierten Vollzeit für Premiummarken. Eine Arbeiterin wehrte sich. Mit Unterstützung der Clean Clothes Campaign erkämpften sie jetzt die Auszahlung der ausstehenden Löhne.

Inmitten des Corona-Lockdowns kürzte TANEX, eine rumänische Textilfabrik, die ohnehin extrem niedrigen Löhne nochmal auf die Hälfte. TANEX beliefert beispielsweise Massimo Dutti und Joop. 140 EUR waren nur die Hälfte des sonst normal verdienten Lohnes – des gesetzlichen Mindestlohnes von 278 EUR. Auch 278 EUR sind nur ein Viertel. Eine Einzige wagte es, sich zu wehren: Angelica Manole. Dafür wurde sie schikaniert und schließlich entlassen. Doch mit lokaler und internationaler Unterstützung durch die Menschenrechtsinitiative Clean Clothes Campaign sowie mithilfe des Engagements der Modemarken gelang es ihr, die Auszahlung der ausstehenden Löhne zu erkämpfen.

Solidarität mit Angelica Manole: Aktivist*innen aus dem CCC-Netzwerk stellen sich hinter die Forderungen der Näherinnen. Foto: ENS e.V.

Rumänien stellt mit etwa 400.000 Beschäftigten in der Modebranche die wichtigste Kleiderproduktion in Europa (außer Türkei). 90% der Arbeiterinnen und Arbeiter sind Frauen. Normalerweise erhalten sie den gesetzlichen Mindestlohn von monatlich 278 EUR. Dafür schuften sie in der Regel Vollzeit plus Überstunden. 278 EUR sind 24% eines Existenzlohns, der für ein Leben in Würde in Rumänien nötig wäre. Diese Tiefstlöhne wurden während der Pandemie ohne Rechtsgrundlage weiter gekürzt. Die Clean Clothes Campaign hatte errechnet, dass den Millionen Beschäftigten in der globalen Modebranche während der Coronakrise ein Drittel bis die Hälfte des ihnen zustehenden Gehalts entzogen wurde – etwa ein Lohnverlust von 2.7 bis 4.9 Mrd EUR für März, April und Mai.

Außerdem berichteten Arbeiterinnen und Arbeiter von weiteren Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen bei TANEX: Einschüchterung und Belästigung von Arbeitnehmenden, Nichtzahlung der obligatorischen Sozialversicherungsbeiträge, unbezahlte Überstunden sowie Entlassungen. Viele dieser Probleme seien bei Tanex auch vor der COVID-19-Pandemie bereits aufgetreten. Zu den Modefirmen, die bei TANEX produzieren lassen, gehören u.a. die Schweizer Modemarke JOOP (Holy Fashion) oder die spanische Modemarke Massimo Duti (Inditex).

Eine Arbeiterin brach das Schweigen

Eine mutige Arbeiterin, Angelica Manole, ging an die Öffentlichkeit. Sie veröffentlichte ihre Lohnabrechnung, die für März nur 140 EUR Lohn zeigte. Angst wäre nicht ungerechtfertigt gewesen, denn sie gehört zum Arbeitsalltag der Beschäftigten. Angelica berichtete über Schikanen und Einschüchterungen von Seiten des Managements; schließlich wurde sie sogar entlassen.

Clean Clothes Campaign forderte die Modefirmen auf, bei ihrem Lieferanten TANEX aktiv zu werden

Erst nach grösserem öffentlichen Druck auf das Arbeitsministerium wurde die Arbeitsinspektion aktiv, die für Rechte und Schutz am Arbeitsplatz zuständige rumänische Behörde. Der Inspektionsbericht bestätigte die Befunde Angelicas, die das Management bislang abgestritten hatte. Obgleich die Arbeitsinspektion der Fabrik eine Geldbuße auferlegte, erhielten die Arbeiterinnen und Arbeiter noch immer nicht ihre ausstehenden Löhne. Die rumänische Clean Clothes Campaign und allen voran die frühere investigative Journalistin Laura Ștefănuț mobilisierte daraufhin das internationale Netzwerk. Im Namen von Angelica Manole sowie mehrerer weiterer Arbeiterinnen und Arbeiter, die nicht öffentlich auftreten wollten, forderte die Clean Clothes Campaign die Modemarken auf, dringend Massnahmen beim Lieferanten TANEX zu ergreifen. Darunter waren Massimo Duti (Inditex) und JOOP, die aktiv wurden.

Erfolg: Arbeiterinnen und Arbeiter bekommen ihr Geld, Gewerkschaft bekommt Zutritt

Im Ergebnis dieses Drucks der auftraggebenden Modemarken teilte das TANEX-Management Ende August, drei Monate nach Bekanntwerden des Skandals, endlich mit, die rechtmässigen Löhne zu bezahlen und der Gewerkschaft UNICONF den Zugang zur Fabrik zu gestatten, der ihr zuvor verweigert worden war. Im September schliesslich erhielten die Arbeiterinnen und Arbeiter einschließlich der zwischenzeitlich entlassenen das ihnen zustehende Geld.

In Coronazeiten gilt um so mehr: Standortwettbewerb verhindert Durchsetzung von Rechten

In Rumänien wie auch weltweit konkurrieren die Textilfabriken um die Aufträge. Besonders in Corona-Zeiten wird das Machtgefälle entlang der globalen Lieferketten immer repressiver. Lieferanten haben Angst, dass ihre Auftraggeber stornieren und verlagern – und beschweren sich nicht. Dieser Druck wird an die Beschäftigten weitergegeben. Willkürliche Lohnkürzungen, entschädigungslose Entlassungen und unbezahlter erzwungener Urlaub sind an der Tagesordnung. Die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter haben zu viel Angst, über Gewalt und Verletzungen, die sie erleben, zu sprechen, aber wenn sie es tun, können sie mit der Solidarität der Clean Clothes Campaign sehr viel erreichen.

Hintergrund:

23.9. WDR MARKT, Textilproduktionen und Corona – Not der Näherinnen nimmt zu 

Kontakt:

 


Auf unserer Corona-Themenseite sammeln wir fortlaufend Beiträge aus unserem Netzwerk zur Corona-Pandemie und den Auswirkungen auf die Beschäftigten in den Produktionsländern.

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